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Latte Macchiato in Nairobi

Oktober 10, 2007

Da Kenia als Reiseziel gerade sehr angesagt ist und es viele Informationssuchende auch auf meine bescheidene Seite führt, möchte ich für interessierte Leser einen weiteren Artikel des kenianischen Autors Binyavanga Wainaina in voller Länge einstellen, der sich einmal mehr kritisch mit Entwicklungshilfe, oder was dafür gehalten wird, auseinandersetzt. Wen es drängt, mich wieder als Rassistin zu beschimpfen, dem empfehle ich, den Artikel vorher genau zu lesen und erst dann loszulegen.

    Binyavanga Wainaina, geboren 1971, erhielt 2002 den Caine-Preis (Oxford). Der kenianische Autor gründete das Literaturmagazin Kwani. Derzeit ist er Gastautor am Union College in Schenectady, New York. Er ist der Autor der satirischen Anleitung How to write about Africa, deren deutsche Übersetzung bei der Süddeutschen Zeitung erschienen, allerdings dort nicht mehr frei lesbar ist, dafür aber hier.
  • Warum es nervt, wie alle Afrika helfen wollen
  • Von Binyavanga Wainaina

    Ich war vierzehn Jahre alt, als Michael Jacksons „We are the World“ auf allen Kanälen lief, und mir klar wurde, dass ich geliebt werde. Das war eine tolle Art der Liebe: ein riesiger Chor, der aus ziemlich exotischen Wesen in metallisch schimmernder Kleidung und Schulterkissen bestand, lehnte sich in einem Raumschiff aneinander, „coming together as one“, und dabei schmollten und grunzten sie und waren total einer Meinung. Yeah, yeah. Manchmal traten sie auch einzeln aus der Gruppe und beugten sich vornüber, als ob sie ihre Liebe für Äthiopien wirklich aus der Tiefe ihres Bauches hervorwürgen müssten, als persönliches Zeugnis, und ich wusste, dass es stimmte, dass die Welt wirklich ein „better place, for you-uu-uu, and for me-ii-ii“ werden würde.

    Und da war Bob Geldof, dieser blasse, dünne und verletzt wirkende Typ mit wuscheligem Jesushaar, der für uns litt, der die „Boomtown Rats“ verlassen hatte, um für „Live Aid“ seine Arme auszustrecken und zu berühren, „to reach out and touch“. Und jetzt ist er der König von Äthiopien. Und dann machten kanadische Sänger unter dem Namen „Northern Lights“ dasselbe: einen triefenden Song mit dem Titel „Tears are not enough“. Vokale wackelten, Worte streckten sich aus, Tränen, Tränen, nicht nicht genuu-uu-huuug Tränen.

    Seitdem hat sich viel Liebe über meine Stadt Nairobi ergossen. Für Mädchen und Frauen und für Armutsbekämpfung. Auch nimmt die Angelina-Jolifikation und die Anti-Desertifikation der semiariden Regionen in Ländern der Sahel-Zone zu. Unglaubliche Mengen an Ressourcen sind geflossen: Zehntausende Geländewagen reißen die Erde auf, um ein Projekt der Liebe zu finden. Diese dicken und teuren Wagen wurden einst von den „Vätern unserer Nationen“ benutzt, so dass sie „unsere Nationen entwickeln“ konnten. Jetzt sind die „Liebhaber unserer Nationen“ hier, um „unsere Nationen zu entwickeln“, und klar, sie brauchen dieselben Wagen, um überhaupt etwas zu bewirken. Standards müssen hochgehalten werden. Alles muss nach internationalen Standards laufen.

    Die Mieten in Nairobi sind jetzt so hoch wie in Europa. Sie dienen den zehntausend Kenia-liebenden Leuten, die mit Kenia-liebenden Projekten Kenianer und Sudanesen und andere von ihrem Elend befreien wollen. Restaurants, die „Casablanca“, „Java“ und „Lord Erroll“ heißen, ernähren diese Menschen auf einem sehr hohen Niveau, und viele Gegenden in Nairobi ähneln New York. Und das finden wir sehr spannend! Wir haben eine Deutsche Schule, eine Französische Schule, eine Schwedische Schule, eine Internationale Schule und viele Institutionen, die sich unaussprechliche Namen wie „Internationales Zentrum für Wbbrbrg-Entwicklung“ geben. Das zeigt, wie schnell sich Nairobi entwickelt. Man kann in Loki, einem riesigen Flüchtlingslager in Nordkenia, einen Cappuccino bekommen. Ich habe gelernt, dass wir ein Ein-Dollar-am-Tag-Volk sind – und das ist schrecklich, sagen sie, denn eine Kuh in Japan ist neun Dollar pro Tag wert. Das bedeutet: Eine japanische Kuh könnte in Kenia zur Mittelklasse gehören. Eine Ein-Dollar-am-Tag-Person kann nicht wissen, was gut für sie ist. Daraus kann man schlussfolgern: Eine japanische Neun-Dollar-am-Tag-Kuh könnte sehr gut eine humanitäre Nichtregierungsorganisation in Kenia leiten. In Kenia sind Massagen so billig, so dass sich die Kuh wohlfühlen würde.

    Nairobi kriecht also mit fünf Dollar am Tag voran, 25 Jahre alte Backpacker, die einst kamen und liebten und mitlitten, leben jetzt von 5.000 Dollar im Monat als Berater für die Vereinten Nationen (Lebenslauf: Nachdem ich in London gekellnert habe, habe ich bei einem Tabakernte-Projekt in der Nähe des Gorilla-Reservats in Uganda mitgeholfen, als der Überlandbus für fünf Tage festhing; ich brachte Schulkindern „Born in the USA-ay-ay“ bei), während kenianische Masterstudenten auf der anderen Seite der Straße für einen Dollar am Tag Obst verkaufen und im Kibera-Slum leben, dem einzigen Ort, wo die Mieten noch niedrig sind. Aber das kann sich geändert haben, seit Ralph Fiennes kam und Kibera liebte und dorthin ziehen und retten könnte.

    Im letzten Jahr begegnete ich einer hübschen jungen Frau aus England, gerade 19 Jahre alt, die den ganzen Weg nach Naivasha gekommen war, in eine ganz spezielle Gegend an einem hübschen See, Tür an Tür mit vielen alten weißen Übeltäter-Familien und verschiedenen wunderschönen Spielhöllen, und zu ihrem Freund, dessen Vater eine Spiel-Lodge betreibt. Aber das beschäftigte sie nicht. Sie war in Kenia, um den Menschen dieser stadtfernen Gegend zu zeigen, wie man ein Kondom benutzt. Sie sagte mir, dass sie zu Gruppen von Männern und Frauen spricht und ihnen zeigt, wie ein Kondom ihr Leben retten kann. Ich fragte, ob es denn keine Krankenschwestern oder Lehrer gäbe, die das tun könnten. Denn das würde ein Zehntel oder ein Hunderttausendstel dessen kosten, was es kostet, sie in dieser hübschen und ziemlich teuren Gegend leben zu lassen. Und ihre Augen wurden feucht und sie sagte: „Aber ich fühle für die Menschen. Kannst du nicht sehen, dass Menschen sterben? Etwas muss getan werden.“
    „In meinem Freiwilligen Jahr.“
    Das sagte sie nicht.
    Ich war sehr gerührt.

    Verschiedene Prinzen waren schon in ihrem Freiwilligen Jahr bei uns, und wir sahen sie beim Bäumefällen oder Baby-Umarmen. Eine berühmte Schauspielerin will alle afrikanischen Babys adoptieren. Und das strategische Entwicklungsziel ist, dass das Hollywood-Brat-Pack äthiopisch sein wird, und die Bälger werden ein Lied singen, um Äthiopien noch authentischer und glaubwürdiger zu retten.

    Viele unserer Schulkinder wurden zu Bewusstsein erweckt, und es sind wirklich spannende Neuigkeiten, dass wir dieses Bewusstsein haben. Und immer wieder werden wir im Fernsehen mit Nationalschulen-Musik-Festivals-Gedichten verwöhnt, die Sechsjährige verfasst haben und ungefähr so klingen:
    Das Mädchen! Lasst es uns alle erziehen
    Das Mädchen!
    Das Mädchen!
    Für unsere Millenniumsentwicklungsziele
    Das Mädchen! Das Mädchen!
    Zur Armutsbekämpfung
    Ohhhhh!
    Bekämpfung!

    Das Mädchen. Lasst es uns erziehen…Im Jahr 1995 bekam ich einen Teilzeitjob in einem Entkörnungswerk für Baumwolle, in das mein Vater investiert hatte, in der Mwa-Region. Meine Arbeit bestand darin, mich mit Bauern aus den Trockenregionen von fünf Bezirken zu treffen und sie zu ermutigen, Baumwolle anzupflanzen. Das war nicht schwierig: Die Bauern wollten Baumwolle anpflanzen, aber ihnen fehlte ein Markt für die Ware. Während dieser Monate hörte ich alle von einem legendären afrikanischen König sprechen, den sie PlanInternationo nannten. Sie sagten, dass PlanInternationo ihnen Wasser und Speicher und Schulgebühren geben würde, und alle Stammesführer, Direktoren und Regierungs-angehörige, die ich traf, fingen wegen dieses Königs PlanInternationo zu sabbern an. Eines Tages gingen wir zum landwirtschaftlichen Büro des Thika-Bezirkes, um mit den Beamten zu sprechen, die dafür bezahlt werden, dass sie die Bauern über ihre Möglichkeiten informieren. Sie fragten uns, ob wir uns mit den Leuten von PlanInternationo getroffen hätten. Wir sagten Nein. Sie schauten ziemlich traurig. Wir fragten, ob sie uns jemanden vermitteln könnten, der uns bei den Bauern herumfahren könnte. Sie sagten Ja, das könnten sie für eine unerschwingliche Summe an Dollar pro Tag tun, es waren mehr als neun oder neunzig. Wir können uns das nicht leisten, sagten wir. „Oh“, sagten sie, „aber so viel bezahlt PlanInternationo. Sie lieben uns sehr!“ Der König hat gesprochen.

    Dann traf ich einen Typen, der an leitender Stelle für eine der größten humanitären Agenturen in Kenia arbeitet. Er sagte, er wollte Bono für ein Konzert nach Mogadischu bringen. Um Bewusstsein für Afrika zu wecken.

    Vor gut einem Jahr hörten wir, dass viele Menschen überall in Kenia am Verhungern waren. Sofort drängte die Regierung die Gebergemeinschaft, sie müsse helfen. Und die Gebergemeinschaft drängte die Weltgemeinschaft, sie müsse helfen. Und wir sahen die großen, traurigen Augen vieler namenloser Menschen am Rande des Todes und sich kümmernde Pressesprecher, allesamt weiß und gebräunt, die der Welt erzählten: Menschen sterben.

    In der Zwischenzeit hatte unsere Regierung den Rekord an Steuereinnahmen gebrochen, und in anderen Teilen von Kenia gab es Überernten. Menschen starben. Wir standen vor einem Referendum, und eine Ministerin namens Charity Bgilu verhandelte einige Tage mit dem Präsidenten. Er solle X Kilo Getreide und Y Kilo Nahrungsmittel für ihren Bezirk zur Verfügung stellen, wenn ihre Gemeinde mit Ja stimme. Sie ging triumphierend aus dem Gespräch heraus und winkte mit den Lebensversprechungen in die Medien.

    Die meistgeliebten Afrikaner sind große dünne edle Menschen, die einmal Nomaden waren oder es immer noch sind und die in der Nähe von wilden Tieren leben. Die Potot, die Samburu, die Massai haben mehr Liebe bekommen als irgendjemand in der Welt: Bücher, Zeitschriften, Projekte, Parks, Reservate.

    Ich habe bei einem Dinner in New York eine Frau getroffen, die aussieht und spricht wie Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“, die erzählte, sie sei ein Freund von Ralph (Fiennes), dessen Schwester auch irgendwann in das Dinner hereinspazierte. Scarlett will Handtaschen aus dem Schwanzhaar mongolischer Pferde produzieren und sie „liiiiebt ganz einfach Kenia“ und sie baut ein Krankenhaus für die Massai und schickt eine Gruppe von ihnen nach London, damit sie über Männlichkeitszeremonien singen und Spendengelder eintreiben. Niemand, wirklich, hat bisher gesehen, wie die Massai durch Tausende und Abertausende an Projekten reich oder nur gesund geworden sind. Aber die Massai können sich sicher sein, dass sie geliebt werden.

    Sie können sich sicher sein, dass es für eine lächerliche Figur wie eine dreißigjährige Scarlett O’ Hara oder ein „Boomtown Rat“ einfacher ist, darüber zu entscheiden, was ein Massai der Welt bedeutet, als ein Massai sprechender, promovierter Massai.

    Denn das ist die Kraft der Liebe.

    Aus dem Englischen von Nikola Richter

    © KULTURAUSTAUSCH 2/2007

    Englisches Original auf mail and guardian online (Südafrika, 2006): The power of love

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