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Andate pensieri

August 31, 2007
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AUGUST_2007 001Über „meinen“ Nabucco am 29. August als Oper möchte ich nicht allzu viele Worte verlieren. Neben mir sass ein nach Alkohol stinkender Glatzkopf irischer oder englischer Herkunft, der angesichts der modernen Bühneninstallation mit viel Stahl seiner Liebsten lautstark telefonisch eröffnete: „i don’t think i’ll like it“. Er hat sich später sicherlich eingekriegt, denn die Kostüme waren dann doch traditioneller als es das Bild erwarten liess und vielleicht mehr nach seinem Geschmack. Mein Platz in der elften Reihe erwies sich als unvorteilhaft. Ich hatte schon gehört von der problematischen Akustik der Arena, unter der ich allerdings bei meinen bisherigen Besuchen nie zu leiden hatte. Nach der Ouvertüre stand ich auf, um im Orchestergraben nachzusehen, ob die Violinen eventuell noch in der Garderobe sind, ich hatte sie nämlich während des Stückes nicht gehört. Dafür hörte ich anschliessend umso besser den direkt links vor mir platzierten Teil des (Männer)Chores und vor allem dessen reichlich diffuse Einsätze zu Beginn. Das legte sich zum Glück im Verlauf des Abends und die Chöre boten nicht nur die beste Leistung des Abends, sondern überzeugten auch. Da die Vorstellung auf den teueren Plätzen bei weitem nicht ausverkauft war, zog ich nach dem ersten Akt um auf einen Mitte-Platz etwas weiter hinten und löste damit das akustische Problem. Das Orchester klang zwar noch immer sehr gedämpft, die Chorszenen boten dafür ungetrübtes Vergnügen.

Daniel Oren, der einige Werke des Festivals dirigiert, war auch für diese Vorstellung verantwortlich. Sein Dirigat bestand aus Fitnessübungen für die oberen und unteren Extremitäten, heisst gelegentliches wildes Hüpfen, aufgeregtes Rollen und Drehen der Unterarme und Hände sowie einem rechten Arm, der ständig drohend Richtung Himmel gereckt wurde, möglicherweise um Petrus in Schach zu halten. Sein ständiger Griff ans linke Ohr lässt ausserdem ein Ohrenleiden vermuten, denn offensichtlich hat er die Chöre nicht vernommen. Versöhnt hat er, als er sich nicht lange bitten liess, „Va pensiero“ zu wiederholen; dieser Klassik-Gassenhauer kann schon bewegen, wenn er so gefühlvoll dargeboten wird, wie es dem Arenachor an diesem Abend gelang.

Für das Ensemble bleibt nur der Mantel des Erbarmens. Grottenschlecht Andrea Gruber als Abigaille, unsicher und scharf in der Höhe, teilweise auch unangenehm tremolierend. Die Baritone Maestri und Carolli mit durchaus klangschönen, wenn auch meines Erachten zu kleinen Stimmen für den Riesenraum, wobei vor allem jeder Auftritt Carollis mit „bravo Carolli“ bedacht wurde. Gleiches gilt für Walter Borin als Ismaele. Von den Solisten gefiel mir am besten der Auftritt von Nino Surgudladze mit ihrem stilsicheren robusten Mezzo als Fenena. Meine Beurteilung der Protagonisten und des Dirigenten werden vermutlich nicht sehr viele Besucher geteilt haben, denn eine negative Beurteilung ist für den Arenabesuch gemeinhin nicht vorgesehen. Bravo-Maestro-Rufe gehören zu den Vorstellungen wie die roten Kissen von Croce Verde unter die Hintern. „Zwamol woar i im Frein in der Oper und zwamol woars schee“, sagte eine Österreicherin zur anderen beim Aperitif. Recht hatte sie.

Das alles klingt nach dem berühmten „Griff ins Klo“, was es keineswegs war, denn in Verona gibt es Nebenbühnen, die auch viel bieten: das Publikum, die Kerzen, den Himmel, den Mond und natürlich das alte Gemäuer, die mehr als zwei Drittel zum abendlichen Gesamtkunstwerk beitragen. Unvergleichlich die schöne Stimmung am Anfang, wenn Tausende tausende kleiner Kerzen anzünden. Unvergleichlich die Zuverlässigkeit, mit welcher der Mond kurz nach Beginn der Vorstellung am linken Arenarand hinter der Bühne erscheint, um auf seinem Gang von links nach rechts den planmässigen Verlauf des Abends zu überwachen – Väterchen Mond eben. Und unvergleichlich die Chorszenen aus Nabucco, die Gedanken tatsächlich fliegen machen können, ganz besonders an diesem Ort.

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