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Was wäre, wenn … – ein Besuch in Selinunte

April 29, 2007

Ich habe keine Ahnung von Dorern, Griechen, Römern, Karthagern oder Puniern. Zeus, Hera, Dionysos, Phoebe, Athena und Apoll kenne ich nur dem Namen nach. Von Götterverehrung der Antike und den religiösen Riten habe ich keinen blassen Schimmer. Wahrscheinlich interessiert mich das alles gar nicht wirklich, denn sonst hätte ich mich schon etwas mehr mit den vergangenen Zeiten beschäftigt und mehr darüber gelesen. Trotzdem sehe ich mir gerne antike Stätten an, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Ich bewundere die klassische Schönheit der Tempel und Kultstätten, die oft an spektakulären Plätzen errichtet wurden, und ich versuche mir anhand der Ruinen vorzustellen, wie die Menschen damals gelebt haben könnten.

Selinunte ist eine der größten Ausgrabungsstätten Europas. Selinunte online behauptet gar, es sei der größte archäologische Park Europas. Wie dem auch sei, das Gelände ist sehr gross, grösser als ich es mir je vorgestellt hätte. Angesichts des mich vom Vortag ziemlich behindernden Muskelkaters war ich froh, als ich entdeckte, dass man sich mit Elektrokarren zu den unterschiedlichen Plätzen fahren lassen kann und die weiten Strecken der sich auf mehrere Hügel erstreckende Anlage nicht unbedingt zu Fuss gehen muss.

Selinunte wurde im 7. Jhdt.v.Chr. gegründet. Es liegt unmittelbar am und über dem Meer auf zwei Hügeln westlich und östlich eines Flusses. Seine Blütezeit hatte es im 6. und 5. Jhdt.v.Ch. Auf dem östlichen Hügel befinden sich drei riesige Tempel, von denen man einen 1957 aus den Trümmerteilen aufgebaut hat. Diese Rekonstruktion ist umstritten (u.a. zu viel Mörtel), allerdings bietet sie einen guten optischen Eindruck, wie es damals ausgesehen haben mag. Die Besucher haben übrigens, anders als bei anderen Ausgrabungsstätten, freien Zugang zu allen Ruinen. Auf diesem östlichen Hügel kann man trotz der Wärme Gänsehaut bekommen. Abgesehen von dem wiederaufgebauten kleineren Tempel liegen die beiden anderen Gebäude in Trümmern. Zwei riesige Trümmerhaufen aus Säulen und Kapitelen, zerstört bei einem Erdbeben im 10 oder 11. Jhdt. Man sieht genau, wie der Säulenaufbau konstruiert war, das Zusammenfügen der Säulenabschnitte, die grossen Basisplatten und die oberen Abdeckungen. Dennoch bleibt es unerklärlich, wie man die Schwergewichte aus dem nahegelegenen Steinbruch, der ebenfalls besichtigt werden kann, an die Baustelle transportiert haben mag.

„Wenn Sizilien zu Deutschland gehörte, wären die Tempel schon längst wieder aufgebaut“, sagte mir der Mann bitter, der mich durch das Flusstal auf die andere Seite brachte, wo die antike Stadt, die Akropolis und die Befestigungsanlagen zu sehen sind. Man habe vor ein paar Jahren durch eine Unterschriftenaktion erreichen wollen, dass die Tempel wieder aufgerichtet werden, habe allerdings damit nichts erreicht. Der Mann erzählte mir auch, dass man in seiner Jugend häufig antike Gegenstände gefunden habe, die heute praktisch in jedem Haushalt aufbewahrt werden. Heute müsse man natürlich alle Funde abliefern. Noch längst sei nicht alles ausgegraben. Im inzwischen versandeten Naturhafen liegen sicher noch Kostbarkeiten aus längst vergangenen Jahrhunderten. Die interaktive Karte von Selinunte online bietet eine Menge interessanter Bilder, wie es dort einmal ausgesehen haben könnte. Der Text ist natürlich italienisch, die englische Übersetzung leider ebenfalls oder automatisch von Google.

Auf der anderen Seite des Flusstales breitet sich eine Stadt aus, geometrisch angelegt, die mehrere Zehntausend Einwohner gehabt haben soll. Hier gibt es ausserdem eine sehr interessante Befestigungsanlage zu besichtigen und ebenfalls mehrere Tempel, wobei lediglich 13 seitliche Säulen des Tempels O aufgerichtet wurden.

Da man nicht genau weiss, zur Verehrung welcher Gottheiten die Tempel errichtet wurden, wurden sie in der Reihenfolge ihrer Entdeckung mit Buchstaben bezeichnet.

Selinunte hatte nicht sehr lange Bestand. Es zerrieb sich in ständigem Krieg zu dem weiter nördlich liegenden Segesta, hatte ständig wechselnde Verbündete und wurde 250 v.Chr. endgültig zerstört.

Für einen Besuch Selinuntes sollte man sich Zeit nehmen, wenn möglich einen ganzen Tag. Auch dort traf ich beim Kaffee österreichische Bildungstouristen, die sich durch die antiken Stätten gejagt fühlten und gerne mehr Zeit gehabt hätten, auch wenn man dafür weniger Plätze gesehen hätte.

Links neben der Anlage befindet sich übrigens ein hübscher Sandstrand.

Eintrittspreise Selinunte: 6 Euro, Fahrdienst: gestaffelt nach Umfang der Besichtigung 3 – 10 Euro

Segesta – Stippvisite an einem anderen Tag
Wegen der besonderen Beziehungen zwischen Selinunte und Segesta will ich von meinem Kurzbesuch dort berichten, den ich an meinem letzten Urlaubstag auf dem Weg zum Flughafen machte. Ich hatte eigentlich reichlich Zeit eingeplant und fuhr von Trapani aus den vom Reiseführer vorgeschlagenen Weg über die Landstrasse Richtung Alcamo und sah auch wie versprochen kurz nach Calatafimi dieses schöne Bild des gut erhaltenen Bauwerks:
segesta1.jpg

Errichtet wurde der Tempel in griechischem Stil im 5. Jhdt.v.Chr. durch die Elymer, Gründer der Stadt Segesta und auch des alten Erice. Dass der Tempel nie als Kultstätte gedient hat, schliesst man aus dem Fehlen der inneren Tempelzelle, die Nichtvollendung u.a. aus für den nach dem Transport nicht entfernten Schutzfüllungen der vertikalen Auskerbungen der Säulen. Selbst Goethe kam auf seiner Italienischen Reise nach Segesta und hat dem Tempel am 20. April 1787 ein eigenes Kapitel gewidmet.

Das Chaos auf dem Parkplatz, das Durcheinander der vielen Busse und Wohnmobile und die zu erwartenden Besuchermassen bei dem freistehenden Tempel schreckte mich dann aber doch ab und ich beliess es bei dem schönen Anblick von unten. Das ebenfalls gut erhaltene Theater, das noch heute im Sommer genutzt wird, ist mir dadurch leider auch entgangen.

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