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Zigeunern

April 28, 2007

Als ich vor ein paar Jahren zuletzt auf eigene Faust Palermo und Umgebung besuchte, fand ich Sizilien schon einladend und freundlich und hatte mir ganz unverbindlich vorgenommen, zurückzukommen um ein bisschen mehr vom Land zu sehen. Ganz im Gegensatz zu Sardinien, dessen hohe Gebirge mir letztes Jahr Respekt einflössten und wo ich nicht alleine in die Berge gehen wollte, erschien und erscheint mir das Entdecken Siziliens leichter.

Lo Zingaro *) heisst Siziliens ältestes Naturschutzgebiet. Es entstand 1980, als Bürger sich gegen eine dort geplante Küstenstrasse zur Wehr setzten. Ihnen ist es zu verdanken, dass es sich bei dem etwa 7 Kilometer langen Küstenabschnitt zwischen San Vito Lo Capo und Scopello bei Castelmare del Golfo heute noch um einer der wenigen Küsten Siziliens ohne Erschliessung handelt. Das Reservat, das zum Landesinneren durch hohe, überwiegend kahle Berge abgeschirmt wird, ist für Besucher nur zu Fuß zugänglich. Der nördliche Zugang bei San Vito ist gar nicht so einfach zu finden, denn von dort aus geht es erst einmal ein Stück weit bergauf und dann in Serpentinen abwärts zum Eingang. Obwohl ich wegen des warmen Wetters relativ früh dran war, standen bereits ein paar Autos und zwei Busse auf dem Parkplatz. Das Reservat ist nicht bewirtschaftet, man muss sich also ausreichend Proviant und Trinkwasser mitnehmen. Und gute Schuhe sind wichtig, wenn man weiter als bis zur Grotta dell’Uzzo gehen will (etwa 1/2 Stunde Gehzeit), wo für die meisten Besucher der Ausflug aus Zeitgründen auch schon endet. Ein Grund mehr, warum ich keine organisierte Rundreise machen würde. Ich habe in den nächsten Tagen mehrfach klagende Urlauber gehört, die sich durch die Sehenswürdigkeiten gehetzt fühlten und keine Zeit hatten, die Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Schade, denn weniger wäre manchmal mehr, auch wenn sich das platt anhört.

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Wohin man sieht – Wildblumen auf den Abhängen und am Wegesrand

Ich ging also von West nach Ost. Links von mir das Meer, dann ein felsiger Küstenstreifen, danach der untere Wanderpfad und rechts die steilen Berge. Es gibt noch einen mittleren und einen oberen Pfad und auch Zwischenaufstiege. Ich blieb allerdings auf dem unteren Weg. Mein erster Eindruck war GELB in vielen Abtönungen und ein betörender Duft. Dann viele niedrige Fächerpalmen von der Sorte, für die man im Blumengeschäft eine Stange Geld zahlen muss und rote Erde. Hunderte von kleinen und größeren Eidechsen wuselten vor mir und waren meistens schneller als mein Fotoapparat.

Bei der grossen Grotte, die man nur von aussen ansehen kann, gehen viele wieder zurück, manche steigen auch ab zum Meer, denn dort ist die zweite kleine Bucht, die Cala dell’Uzzo. Danach wird die Strecke wesentlich anspruchsvoller: der Weg ist nur noch ein Pfad, sehr steinig und es geht auf und ab. In einem aufgelassenen Gebäude hat man ein kleines Museum eingerichtet, das bäuerliches Leben von vor gar nicht allzu vielen Jahren zeigt und wie der Weg des Getreides vom Anbau bis zum Brot verlief. Ein alter Bauer beaufsichtigt das kleine Museum. Mehrfach wird betont, dass man dem harten Leben von früher nicht nachtrauert, die Erinnerung aber wachhalten möchte.
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Ein Pflug zum Ziehen durch Menschen und einer durch Pferde, beide mit tiefgehender hölzerner Pflugschar

Eine ganz grosse Ruhe herrscht, wenn man so geht, ausser gelegentlichen Wellenschlägen oder Tierschreien ist nichts zu hören. Was nur zum Teil stimmt, denn ab und zu begegnet man Männern, die die Erde hacken und Pflanzungen vornehmen – so ganz ohne manuelle Eingriffe würde wohl doch alles verwildern. Abfallkörbe werden geleert, wobei als Transportmittel die zierlichen sizilianischen Pferde dienen. Ich nenne sie mal so, sie kamen mir zierlicher vor als normale Pferde und vor dem Hotel in Erice grasten auch immer ein paar von der Sorte. Auch eine Imkerei scheint betrieben zu werden, zumindest sah es von oben so aus.

Mein ursprünglicher Plan war, das gesamte Stück bis nach Scopello im Osten zu gehen und dann mit dem Bus oder sonst irgendwie zu meinem Auto zurückzufahren. Leider ist derzeit ein großes Stück in der zweiten Hälfte erosionsbedingt gesperrt, so dass ich nur etwas mehr als die Hälfte gegangen bin. Die erste Badepause habe ich bei der Cala Marinella eingelegt, für die man zuerst aufsteigen, dann viele Naturstufen bergab gehen und das letzte Stück bis zur Bucht noch über Felsen klettern muss (und das ganze auch wieder zurück). Dafür ist die kleine Kiesbucht aber auch besonders schön. Ausser mir kamen später noch zwei Leute und oben auf dem Felsen fletzten sich noch zwei weitere. Man sah durch das glasklare himmelblaue bis türkisgrüne Wasser bis zum Grund. Fische, vor allem kleine, scheinen recht gesellige Leute zu sein, denn ich sah sie immer nur in Schwärmen, während die größeren doch eher alleine unterwegs waren. Ich sah viele Fische. Und spürte sehr kaltes Wasser. Aber jeder, der da war, war drin. Nach zwei faulen Stunden auf meiner wie immer mitreisenden Masaai-Decke kletterte ich zurück zum Pfad und ging weiter bis zur Cala Beretta und dann den ganzen langen Weg wieder zurück.
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Cala Marinella

Man veranschlagt gute zwei Stunden für die gesamte Strecke vom Eingang Nord bis Eingang Süd, berechnet wahrscheinlich für Marathonläufer oder Riesen. Ich jedenfalls hatte bis zur Hälfte schon eine reine Gehzeit von eineinhalb Stunden und mindestens noch mal so lange wieder zurück. Allerdings liebe ich neben slow food auch slow go. Wie dem auch sei, es war ein wunderschöner Tag. Als ich die kleine Panda erreichte und in den Rückspiegel schaute, hatte ich bereits eine leichte Ahnung, dass ich zu viel Sonne erwischt haben könnte und dass meine untrainierten Knochen mir den einen oder anderen Anstieg auch verübeln können würden.

Es gibt nicht viel deutsches im Netz über das Riserva Naturale Orientata Zingaro, wie es offiziell heisst. Der Eintritt ist niedrig, man erhält eine Routenkarte und die entsprechenden offiziellen Auflagen. Die Wegweiser enthalten auch Zeitangaben, was ganz nützlich ist. Mich wundert, dass ich keine Deutschen getroffen habe. Angeblich sind wir ja eine Wanderernation.
www.riservazingaro.it

*) lo zingaro – Zigeuner

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