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Moses und Aron

Februar 21, 2007

Als ich von der heutigen Umbesetzung las, habe mich kurzerhand auf den Weg ins Nationaltheater gemacht. Unter der Leitung von Lother Zagrosek sangen Franz Grundheber und John Daszak die Hauptrollen. Mit John Daszak habe ich kein Glück; fast in allen Vorstellungen, in denen ich ihn bisher sehen wollte, musste er sich wegen Krankheit ansagen lassen. So auch heute. Er wollte die als Einspringer zugesagte Vorstellung schon wegen Erkältung absagen, sang aber dann doch, weil kein Ersatz zu finden war und hat die Vorstellung damit gerettet. Natürlich wurde er dafür entsprechend gefeiert.

Star dieser ungemein fesselnden Inszenierung ist der Staatsopernchor und das Orchester. Obwohl ich nicht sehr viel von Musik des 20. Jahrhunderts verstehe, hat mich das Stück von Anfang an in seinen Bann gezogen. Im ersten Akt vor allem durch das grossräumige Bühnenbild und die intensive Personenführung – Moses‘ und Arons eindringliches Spiel, die Körpersprache des Chores, sein Sprechgesang und die Ernsthaftigkeit und Bedeutung des Stoffes auch in der heutigen Zeit. Nachdem ich mich etwas akklimatisiert und eingehört hatte, faszinierte mich die Musik und man entdeckt ein bisschen die Melodie und die Rhythmik, zumindest glaubte ich es zu entdecken. Den ersten Akt erlebte ich als vollkommene Einheit von Musik und Szene. Da stimmt wirklich alles.

Im zweiten Akt ist alles anders, zwar ebenso grossräumig inszeniert, aber trotz aller Wollust und orgiastischen Ausschweifungen war es mir ein bisschen zu viel. Klar jeder hat sein eigenes Goldenes Kalb und die Botschaft ist durchaus auch bei mir angekommen. Aber Easy Rider und Flower Power (oder war es ein Wahlmobil der Grünen?) plus Autohandel plus Medien plus wasweissichnichtalles an technischen Finessen waren mir auf der Bühne ein bisschen zu umtriebig inszeniert, dazu kommt noch die Tanzerei, auf die ich fast allergisch reagiere, so die Choreografie dazu von Beate Vollack kommt. Die Interpretation dieser Szenen durch das Orchester hörte sich für mich geradezu ideal an und liess das vergessen, was mich in diesem Stadium auf der Bühne störte. Lothar Zagrosek macht zwar einen sehr zurückhaltenden Eindruck, mit fortschreitendem Programm wurden seine Dirigierbewegungen leidenschaftlicher und das übertrug sich unmittelbar auf das Orchester. Es ist schon eine tolle Leistung, derart grosse Mannschaften in Graben und auf der Bühne mit einem derart schwierigen Stoff so zu leiten, dass alles zusammenhält, die Sänger nicht überdeckt werden, das musikalische Anliegen auch noch transparent wird und das Publikum gefesselt.

Sehr beeindruckend fand ich Franz Grundheber in der Rolle des Moses, die fast ausschliesslich eine Sprechrolle ist; ich hoffe sehr, ihn in diesem Jahr auch mal „richtig singen“ zu hören – ein grosser Erfolg für ihn. John Daszak gehörte ja zur Premierenbesetzung; er hatte ein paar Textprobleme im zweiten Akt, was aber kein Wunder ist, und ich hatte auch das Gefühl, dass er nicht voll sang, denn er wurde ab und zu zugedeckt.

Grosser Beifall aus dem gut besuchten Haus. Wer den Besuch wagt, wird auf keinen Fall enttäuscht und am Ende mit einem wunderschönen ätherisch absterbenden Ton belohnt werden. Eine Vorstellung gibt es noch in dieser Serie, in der anstatt John Daszak wieder der planmässige Thomas Moser singen wird.

Fesselnd ist der Stoff auf jeden Fall und ich empfehle wärmstens die Gedanken zur Inszenierung, die sich der Regisseur David Pountney gemacht hat. Viel Hirn- und Gedankenfutter gab es jedenfalls.

Jetzt frage ich mich nur noch, warum der umgebrachte Aron im Souffleurkasten verschwand.

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One Comment leave one →
  1. März 11, 2007 05:36

    Ich fand Pountneys Artikel sehr interessant. Anfangs dachte ich nein, er uebertreibt alles, was hat Moses mit Bin Laden usw. zu tun, aber inzwischen glaube ich er hat doch die paradoxe Themen des Operns ziemlich klarsichtig beschrieben. Danke fuer’s Link.

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