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Orlando Orlando

Februar 1, 2007

Ich konnte nicht widerstehen. Zwei interessante Einspringer waren wegen Krankheit angesagt, die ich gerne hören wollte: Bejun Mehta sang die Titelrolle anstelle David Daniels und Jonathan Lemalu ersetzte Alistair Miles als Zoroastro. Sonst blieb alles beim alten und Harry Bicket dirigierte.

Obwohl die Vorstellung nahezu ausverkauft war, blieben viele Plätze, vermutlich Aboplätze, unbesetzt. Durch Aufrutschen kam ich so in den Genuss eines auch akustisch ausgezeichneten, ziemlich mittigen Platzes in der ersten Reihe im dritten Rang. Man muss auch mal Glück haben.

Einspringer haben es leicht, zumal wenn sie Goldkehlchen haben und einen guten Tag erwischen. Sie müssen eigentlich nur singen und können den Applaus absahnen. Bejun Mehta gibt als Orlando seinen Einstand im Nationaltheater. Sein Countertenor hat leuchtende Farben, er singt artistische Koloraturen und Verzierungen, die Stimme sitzt gut, wird dynamisch etwas wenig abgestuft eingesetzt und ist durchaus strahlend, manchmal fast zu sehr. Allerdings zeigte Bejun Mehta auch Gespür für das innige Lamento mit den beiden Viole d’amore, in dem die Musik in den Pausen entsteht, und das am liebsten nicht enden sollte.

Mit Einspringern hat man es schwer, gerade in so einer Aufführung, wo die Personenregie bei der Szene eigentlich alles ist. Schwer haben es die Sänger, die den Einspringer integrieren und szenisch „mitnehmen“ müssen, denn geprobt wird bei derart kurzfristigen Umbesetzungen wohl kaum.

Jonathan Lemalu machte seine Sache stimmlich tadellos, darstellerisch fehlte ihm natürlich einiges, denn gerade die Rolle des Zoroastro ist gestisch und von der Körperhaltung Alistair Miles auf den Körper geschnitten. Mit dem Aufsetzen der Professorenbrille und dem grauen Anzug ist es da nicht getan. Seine Bassbariton fand ich allerdings farbiger und ausdrucksstärker als ich Alistair Miles aus der Januar-Vorstellung in Erinnerung habe.

Trotz der sehr guten Leistungen der beiden umbesetzten Herren und der gewohnten Qualität der Damen litt der Gesamteindruck etwas gegenüber meinem ersten Besuch, zumindest empfand ich das so. Manchmal waren Bühne und Orchester nicht ganz beieinander und mindestens zweimal hörte ich die Souffleuse bis rauf in den dritten Rang.

Dennoch war das Publikum wieder ausser sich vor Begeisterung. Man trampelte heute zwar nicht, manche schrieen sich dafür fast die Seele aus dem Leib.

„Unser Publikum ist einfach lernfähig“, meinte die Garderobenfrau, als sie mir meinen Mantel gab.

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