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Im Winter ist’s kalt

Januar 25, 2007

Wer jetzt lebt, wird noch mit Winterkälte rechnen müssen. Die Betreiber der Münchner Philharmonie am Gasteig wurden vom überraschenden Wintereinbruch kalt erwischt. Wenn man die S-Bahn quasi im Haus hat, muss man aber auch nicht unbedingt damit rechnen, dass jeder Konzertgänger einen Mantel trägt, den er dann auch noch abgeben will. Und manche dieser komischen Wesen wollen auch noch Stiefel wechseln und deponieren. Nicht im Gasteig. Wenn es nach den Garderobendamen bzw. deren Oberen gegangen wäre, hätte das heutige Konzert überhaupt nicht begonnen, denn die Garderobenmarken waren ihnen vorzeitig ausgegangen und somit konnten keine Mäntel mehr untergebracht werden. Zumindest nicht ordnungsmässig untergebracht werden. Nur gut, dass Rostropovitch das heutige Konzert abgesagt hatte, daher waren viele Plätze wieder verfügbar und somit Platz genug für Pelzmäntelchen und ähnliches. Ich und einige andere Ungeduldige haben ihre Plastiküberzüge einfach an einen Haken gehängt, die verzweifelte Garderobenfrau wollte uns gar nicht lassen, so ganz ohne Papier-Billettel, es könnte ja was wegkommen … Es kam aber nichts weg, und am Ende hatte der unprotokollierte Mantelhaken sogar Vorteile, man nahm seinen Mantel und ging und musste nicht Schlange stehen.

Russische Verhältnisse und ein russisches Programm beim Abonnementkonzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks.

Zuerst gab es das Vorspiel zu „Chowanschtschina“, von Modest Mussorgsky, orchestriert von Nikolai Rimsky-Korsakow. Chowanschtschina gibt es ja demnächst als Neuinszenierung am Nationaltheater und nachdem ich die Oper bisher nicht kenne, freue ich mich sehr darauf, denn das heute gehörte Fünf-Minuten-Stückchen lässt Spannung und Vorfreude wachsen, und ich werde mich wohl in den nächsten Wochen mal mit der Oper auseinandersetzen müssen, um nicht wieder unvorbereitet reinzurumpeln.

Als Hauptstück vor der Pause gab es Dmitrij Schostakowitschs Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 a-Moll, op. 99, mir ebenfalls unbekannt. So ein Abend kann auch für die Zuhörerin recht anstrengend sein. Das Werk konnte erst lange nach Stalins Tod aufgeführt werden. Es ist wirklich fesselnd, aber natürlich nicht unbedingt unmittelbar eingängig und zugänglich. Julian Rachlin, den ich auch zum ersten Mal hörte, hat es packend interpretiert. Besonders eindringlich fand ich den den dritten Satz, der mir auch am besten „gefallen“ hat; ja, gefallen hat. Das Orchester, inzwischen Schostakovitsch-erprobt war kongenialer Begleiter. Als Dirigent für Rostropovitch hatte Yan Pascal Tortelier übernommen, eine sehr sympatische Dirigentenerscheinung, der ohne Stab und mit erheblichem Körpereinsatz dirigiert. Ich könnte ihn mir sehr gut als Operndirigenten vorstellen.

Nach der Pause unternahm er mit uns die Museumstour und wir sahen und hörten Modest Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung«, orchestriert von Maurice Ravel, eines meiner Lieblingsstücke dieses Genres. Da kann man bei mir wenig bis nichts falsch machen. Und ich will auch alles aufschreiben, was zu sehen und zu hören war:
– Promenade
– Gnomus
– Promenade
– Das alte Schloss
– Promenade
– Tuilerien
– Bydlo
– Promenade
– Ballett der Küken in ihren Eierschalen
– Samuel Goldenberg und Schmuyle
– Der Marktplatz von Limoges
– Katakomben. Sepulchrum Romanum
– Cum mortuis in lingua mortua
– Die Hütte auf Hühnerfüßen
– Das große Tor von Kiew
Einfach toll! Leise, laut, lustig-geschäftig, traurig, zickig-arrogant, getragen, geschäftig, behäbig, mehr menschelnd als starr bildhaft und sehr farbig. Wunderbare Blechbläser und Holzbläser, herrliche Schlaginstrumente und Schlagwerke, von den Streichern fielen mir besonders die Bässe und darunter eine blonde junge Musikerin auf, die sich an dem riesigen Instrument wirklich aufgearbeitet hat. Brava!

Das lobenswerter Weise online zugängliche Programmheft zum Konzert enthält Interessantes zu den Werken und den Komponisten.

Das Konzert gibt es am morgigen Freitag nochmal, Plätze sicher auch, weil die celebrity collectors ihr Karten zurückgeben (klar), aber auch eine Live Übertragung in Bayern 4. Höchst empfehlenswert!

PS: Die Übertragung am 26. hielt, was der Abend zuvor versprochen hatte. Die moderne Aufnahmetechnik aus der besten Position ermöglicht ein anderes Klangerlebnis als auf einem Platz im Konzertsaal. Bei den „Bildern“ beispielsweise fiel mir die Kraft der Streicher viel deutlicher auf als im Konzert, auch die Glocke im „Tor von Kiew“ war noch klarer und präsenter. Dennoch ist das Erlebnis im Konzert der Radioübertragung vorzuzuziehen. Im Pausengespräch deutete Tortelier an, dass er wohl zurückkommen würde, um mit dem Orchester das vom ihm orchestrierte Ravel Trio zum ersten Mal in Deutschland aufzuführen.

Ein Malheur passierte Julian Rachlin, bei dessen Instrument die E-Seite riss, so dass er gezwungen war, mit dem Konzertmeister, der eine Guarneri spielt, zu tauschen. Nach dem Aufzug der neuen Seite auf die kapriziöse Guarnerius del Gesù wurde wieder zurück getauscht. Und das alles während des weiter gespielten Konzertes!

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