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Von starken Frauen

Januar 20, 2007

Norma im Nationaltheater am 18.1.2007

Halbstarke Männer wie dieser Kyrill waren zu wenig stürmisch und konnten mich nicht abhalten. Nach vielen vergeblichen Anläufen wollte ich endlich meine erste Norma im Theater hören. Sehen war wegen meines Partiturplatzes ja nicht möglich. Und natürlich wollte ich Edita Gruberova in der Rolle hören, deren Verkörperung im landläufigen Sinn Maria Callas ist.

Im ersten Akt konzentrierte ich mich also vollständig auf den Text und auf die Musik. Und wurde schon gleich zu Anfang überrascht von dem angenehmen, wohlklingenden Bass Simon Orfilas, der von Beginn an makellos ansprang. Ich glaube, dass er in dieser Norma Serie zum allerersten Mal in München sang.

Auch Zoran Todorovich, den sie in den Nationaltheatervorstellungen fast immer als Tenor mit Gruberova besetzen, war als Pollione von Anfang an gut bei Stimme und bei der Sache. Filigranes ist seine Sache ja bekanntlich nicht, aber das ist in dieser Rolle auch nicht gefragt.

Die in der ersten Aufführungsserie hochgelobte Sonia Ganassi, die mich in der Fernsehübertragung im Sommer so sehr beeindruckt hatte, und die Edita Gruberova absolut gleichwertig sang und in der Darstellung der Norma ebenbürtig, ist dieses Mal nicht dabei. Die Adalgisa singt jetzt Carmen Oprisanu. Ihr Mezzo klingt warm und weich und er passt wunderbar zur Stimmfarbe von Edita Gruberova. Die Duette der beiden Frauen, vor allem das zu Beginn des zweiten Aktes, habe ich noch immer im Ohr und Herzen, nicht nur der Wohlklang der beiden Stimmen, sondern der durch die Stimmen gestaltete Ausdruck war sehr berührend (Mira oh Norma … Ah perché). Ich kann nicht beurteilen, ob Carmen Oprisanus Stimme voluminös genug ist für diese Rolle. Ich habe bei ihrem Vortrag nichts vermisst, obwohl verhaltener als ihre Vorgängerin in der Rolle; und darstellerisch – im 2. Akt hatte ich einen besseren Platz – überzeugte sie ebenfalls, vielleicht gerade, weil ihre Darstellung dezenter und unsicherer angelegt ist. Adalgisa ist ja am Ende auch die junge, unglückliche Verliererin, obwohl sie (vermutlich) am Leben bleibt.

Der gelungene Beginn – alle Mitwirkenden waren vom Anfang der Vorstellung voll präsent – war die richtige Umgebung für Edita Gruberovas Norma, bei der die Töne immer „sitzen“. Ich kann mich nicht recht entscheiden, ob ich zuerst von ihrer Stimme, der Stimmführung und der Technik schwärmen soll oder von der Interpretation der Rolle der Norma. Man liest und hört mitunter, ihre Stimme sei in der Höhe etwas scharf geworden; das mag schon sein. Wie sie diese Stimme einsetzt, ist einfach sensationell. Die Koloraturen perlen wie eh und je, klingen nie scharf oder unangenehm. Ihrer Kunst, Töne aus dem Nichts anschwellen und dann über dem Orchester schweben zu lassen – messa di voce genannt – könnte ich stundenlang zuhören. Das ist einfach einzigartig. Alles klingt nach wie vor mühelos und selbstverständlich.

Wer Maria Callas Referenzinterpretation im Ohr hat und Ähnliches erwartet, wird nicht enttäúscht werden, muss aber umdenken. Für mich klingt die Stimme Edita Gruberovas lyrisch bei aller Dramatik, die die Rolle verlangt. Sie erzeugt diese Dramatik mit ihren stimmlichen Mitteln. Das ergibt ein wunderbar gezeichnetes Bild einer zweifelnden, gequälten, zerrissenen und am Ende in der Liebe zu ihren Kinden (und zu Pollione?) über sich selbst hinauswachsenden Norma.
Mir persönlich ist diese Interpretation sympathisch; sie lässt mich das Fehlen des Hochdramatischen in der Stimme nicht vermissen. Andere sind anderer Ansicht, aber so ist das in der Kunst.

Eigentlich ist es schade, dass Edita Gruberova ihre Norma relativ spät in ihrer Gesangskarriere auf die Bühne bringt. Ich hätte die spannende Entwicklung ihrer Interpretation gerne verfolgt.

Bei aller Euphorie über die Sänger darf man die nicht vergessen, ohne die das alles gar nicht möglich wäre. Stefan Anton Reck leitete die Aufführung souverän mit guten, relativ raschen Tempi. Das Orchester folgte ihm willig; Hörner und Flöten mit überaus klangschönen Sequenzen, die Sänger niemals überdeckend (wäre wohl auch schwer gewesen bei der versammelten Stimmpotenz auf der Bühne).

Ich mag jedenfalls Musik nicht nur sondern auch, wenn sie laut ist. Einmal dachte ich, es sei niemals möglich, eine Stereoanlage so laut zu stellen wie das Orchester spielte, ohne dass zuhause Wände und Fenster vibrierten und man von der Musik nichts mehr wahrnehme. Im Nationaltheater erzeugten Orchester, Chor und Solisten diesen geballten Klang, aber da schepperte nichts, noch nicht mal Kyrill, der vor der Oper tobte, von dem innen nichts zu hören war ausser einem leisen Rauschen im Hain der Druiden im 2. Akt.

Musikalisch war es mir ein beglückender, ein unvergeßlicher Opernabend, deren es so viele nicht gibt, die man aber im Kopf nach Hause trägt und ein Leben lang bewahrt.

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