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Nummer 133

Januar 12, 2007

Es ist kurz vor Mitternacht. Ich sitze im Büro und vertreibe mir die Zeit bis um ein Uhr am PC. Dann muss ich zum Appell. Vor der heutigen Wiederaufnahme von Orlando habe ich mich entschlossen, wohl auch wegen des frühlingshaften Wetters, mal wieder etwas zu tun, was ich seit etwa zwanzig Jahren nicht mehr gemacht habe. Morgen um zehn beginnt der Erstverkauf für die Münchner Opernfestspiele 2007. Und wie es beim Erstverkauf Tradition ist, hat man sich anzustellen. Ganz Narrische haben damit am Mittwoch schon begonnen. Ich erst heute am frühen Abend. Und deswegen habe ich auch nur die Nummer 133. Die mir allerdings doch noch die Möglichkeit bieten sollte, für alle meine Wunschvorstellungen Karten zu bekommen.

Allerdings ist das Anstehen auch nicht mehr das, was es vor zwanzig Jahren war. Heute ist nämlich zwischen ein Uhr und fünf Uhr morgens kein Appell, man kann also möglicherweise sogar zu Hause ein paar Stunden schlafen. Und um sechs Uhr dreissig wird die Kassenhalle bereits geöffnet, und der Sieben-Uhr-Appell findet bereits im Warmen statt.

Ansonsten ging es heuer so. Hinter der Oper, in der Alfons-Goppel-Strasse, links in der Parkbucht steht ein BMW mit Ebersberger Kennzeichen. Darin sitzen zwei Personen, die die Nummern ausgeben und die Namenslisten führen. Appell ist jeweils um 1h, 5h, 7h, 11h, 14h, 16h, 18h und 23h. Während der Vorstellungen ist natürlich kein Termin. Ich kann mich erinnern, dass früher auch um 3h morgens Appell war und früher Einlass in die Kassenhalle war nicht, sondern um 7 Uhr war Aufstellung in Zweier-Reihen vor dem alten Kassenhäuschen und dann hiess es warten, bis um 10 Uhr die drei damals vorhandenen Kassen öffneten.

Eigentlich muss man diesen Anstehzirkus ja nicht mitmachen, wenn man die Gelegenheit hat, in München öfter in die Oper zu gehen. Die Münchner Festspiele bieten zwar auch drei Premieren, aber das Programm ist ein Querschnitt der Produktionen des Jahres oder besonderer Produktionen des Repertoires und das zu erhöhten Preisen. Ausserdem kann es im Juli oft ganz schön heiss sein, und dann hat man vielleicht Besseres vor als Oper. Trotzdem gibt es ein paar ganz interessante Besetzungen, die ich gerne erleben möchte, falls ich erschwingliche Karten erwische.

Mein Wunschzettel:
Alice in Wonderland, Eröffnungpremiere, Uraufführung, am 30.Juni
Alcina, am 7. oder 9. Juli
Wagner Konzert unter Kent Nagano am 8. Juli, mit Plácido Domingo, Waltraud Meier, René Pape und Martin Gantner
Werther an 18. Juli
Nozze am 19. oder 23. Juli
Il turco in Italia, Premiere, am 21. Juli
Holländer am 26. oder 29. Juli
Festspiel-Konzert am 27. Juli mit der Missa solemnis und einer Uraufführung von Rihm, auch unter Nagano

und dann noch Meistersinger und evtl. Fidelio, obwohl es den schon im April gibt, allerdings mit Rootering als Rocco, den bei den Festspielen Matti Salminen singt.

Einen Rosenkavalier gäbe es auch noch und Liederabende, aber alles kann man nicht ansehen. All die schönen Sachen, die es in gleicher Besetzung im Frühsommer gibt, wie Luisa Miller, Norma, Roberto, Chowanschtschina, habe ich sowieso schon weggelassen. Beim Rigoletto mit Dörrie-Affenzirkus bleibe ich hart. Das brauche ich nicht noch mal. Selbst wenn dort Engelein sängen.

23 Stunden später

Nach ein paar Stunden Schlaf bin ich nun halbwegs wieder wach.

Nach dem ersten Morgenappell um 5 Uhr, wozu ich noch mit dem Auto direkt an die Oper gefahren bin, brachte ich meinen Wagen zurück bis hinter den Feilitzschplatz, wo ich ihn unbesorgt und kostenlos die nächsten Stunden stehen lassen konnte. Rolltreppen und Aufzüge in den U-Bahn-Schächten sind um diese Zeit noch nicht in Betrieb. Es ist erstaunlich, wieviele Leute so früh bereits unterwegs sind und in den Geschäften auch tatsächlich schon arbeiten. Am Marienplatz war also erst einmal 100 Treppenstufen Frühsport Richtung Oberfläche angesagt. Mein Ziel war die Schmalznudl am Markt, die um 5 Uhr früh öffnet. Der Viktualienmarkt öffnet ja nicht mehr so ganz früh, trotzdem waren auch viele Marktleute schon fleissig. Heute morgen um halb sechs trudelten die Nachtschwärmer nur langsam im Café Schmalznudl ein. Ein paar weitere Ansteher sassen aber da, die sich dort ebenfalls für die kommenden Anstrengungen stärken wollten. Die Zeit verging rasch und wir machten uns auf zum Sieben-Uhr-Appell.

Inzwischen hatte man die hintere Eingangshalle zum Theater und auch die Opernkantine geöffnet. Rasch vergrößerte sich die Zahl der Wartenden, die in der Nacht noch bei etwa 180 gelegen hatte, auf über 300. Der organisatorische Teil begann. Zuerst wurde in chronologischer Reihenfolge aufgestellt. Dann wurden die von der Intendanz gestifteten Butterbrezen verteilt und dankbar angenommen. Um 9 Uhr endlich begann die offizielle Aufstellung durch das Opernpersonal. Es wurden die schwerbehinderten Käufer nach einer bestimmten Quote eingereiht und die offiziellen endgültigen Nummern verteilt, mit denen man zur Kasse eingelassen wird. Je nach Höhe der Nummer kann man sich anschliessend die Zeit beliebig vertreiben und immer mal wieder anrufen, wie weit sie denn sind. Ich schaute mir nach einer weiteren Stärkung in der Kantine den Kostümverkauf im Probengebäude an, der ebenfalls heute stattfand, wo mir aber entschieden zu viel los war. Zurück am Marienplatz sah ich mal wieder bewusst dem Glockenspiel zu, das allerdings instinktlos durch die Münchner Narrhalla gestört wurde, die am Marienplatz partout zur gleichen Zeit mit Pauken, Trompeten und einem stinkenden Vehikel des BMW-Fahrdienstes dem staunenden Publikum vermitteln wollte, dass jetzt die Narren los sind.

Eigentlich war ich mittlerweile viel zu müde, hätte am liebsten die Festspiele Festspiele sein lassen und wäre gerne nach Hause gefahren, zumal nach ein einhalb Stunden immer noch die ersten Vierzig im Vorverkaufsgebäude waren. Es ging ziemlich schleppend, obwohl alle sieben Kassen in Betrieb waren und ausschliesslich Festspielkarten verkauft wurden. Im Laufe des Vorverkaufs würde es erfahrungsgemäß immer schneller gehen mit der Abfertigung, tröstete man mich. Und so war es dann auch. Kurz nach eins war es dann auch für mich soweit. Die Gruppe zwischen 130 und 140 wurde eingelassen. Ich erhielt trotz der Gerüchte, dass etliches schon ausverkauft sei, alle meine Wunschkarten, wenn auch nicht immer in der preisgünstigsten Kategorie. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Inzwischen war die Schlange auf ungefähr 400 Personen angewachsen. Bis vier Uhr wollte man noch Nummern ausgeben, heute ungeachtet der Kassenstunden auch alle noch abfertigen und dafür notfalls Überstunden machen.

Angeboten wurden bei diesem Erstverkauf 300 Sitzplätze und 150 Stehplätze pro Vorstellung, alles in den Preiskategorien V, VI und VII, also die preisgünstigen Plätze. Abgegeben wurden pro Käufer maximal 4 Karten pro Vorstellung. Die ersten Hundert, die ja am Mittwoch schon begonnen hatten und daher die Ansteherei mit mehren Personen Tag und Nacht organisierten, hatte ich mit langen Einkaufslisten gesehen und sie hatten dicke Kartenbündel, als sie die Kasse verliessen. Ich habe mein Kontingent nicht ausgeschöpft, sondern für 9 Vorstellungen jeweils eine Karte, und damit bin ich hoch zufrieden.

Kantinengespräche drehten sich ums Thema, versteht sich; um die Kartenpreise zum Beispiel, die schleichend erhöht werden, zuletzt um einen Aufschlag für das Wiedereinschliessen des MVV. Diskussionen um das vermeintlich doch etwas antiquierte System endeten meistens mit „Hoffentlich nimmt man uns das nicht auch noch“. Durch den Wegfall des nächtlichen Drei-Uhr-Appells und den frühen Einlass ins Warme seien die Hürden für die professionellen Ansteher schon viel zu niedrig geworden, die ihre günstig erworbenen Karten dann mit hohem Profit auf dem Schwarzmarkt oder bei ebay verkaufen. Und wenn man den Vorverkauf nur noch über elektronische Systeme abwickle, habe der ältere Opernliebhaber, der jahrzehntelang dem Haus verbunden und mit ihm durch Höhen und Tiefen gegangen sei, keine Chance, an erschwingliche Karten zu kommen. Bereits jetzt sind Karten für das Prinzregententheater, wo es keine Stehplätze gibt und die billigsten Karten in der teueren Kartenkategorie 42 Euro kosten, für manchen Rentner unerschwinglich. Ich habe einige gehört, die sich etwa Alcina und Il turco nicht leisten konnten, weil sie im Prinzregententheater stattfinden. „Ich stehe an, solange ich kann“, sagte mir ein äusserst rüstiger Siebziger, „auch wenn mich meine Frau für verrückt erklärt.“ Ich habe mich mit ihm für nächstes Jahr verabredet – und zur Norma nächsten Donnerstag.

Zum Glück gibt es das Anstellen nur noch für die Festspiele und vielleicht für Ring-Aufführungen – was sich mangels Ring inzwischen erledigt hat -, wogegen man sich vor Jahren auch für hochkarätige Aufführungen ausserhalb der Festspiele noch die Nächte um die Ohren schlagen musste – für Domingo oder für Pavarotti beispielsweise.

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