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Werther am 19. Dezember

Dezember 20, 2006

Derzeit bin ich nicht gerade vom Glück verfolgt bei meinen Opernbesuchen. Beinahe hätte ich auch den Werther gestern nach der Pause verlassen müssen, denn meine Erkältung hat den Genuss ziemlich getrübt und auch meine Nachbarn links und rechts sicherlich nicht gerade erfreut, obwohl sie sehr freundlich auf meine Entschuldigung reagierten. Ich habe auch versucht, immer nur bei lauten Orchestersstellen zu husten. Trotz heftiger Kopfschmerzen harrte ich aber aus und bin sehr froh darüber.

Es ist schon viel geschrieben worden über diese Regie und Ausstattung durch Jürgen Rose, die Rezensionen umfassen die ganze Palette von voller Zustimmung mit wenigen Fragezeichen bis zum glatten Verriss (FAZ) bzw. Wegbleiben der grossen überregionalen Blätter, was wir auch selten haben bei Münchner Premieren.

Das Einheitsbühnenbild mit dem Dichterfelsen in der Mitte über einer Drehbühne fand ich nun gar nicht so einfallslos. Es wurde je nach Szene durch Lichteffekte verändert und mir war es auch keineswegs eintönig. Die Wände sind zunächst mit handschriftlichen Zitaten aus der Feder Werthers, aus „Ossian“, einem Werk, das Werther angeblich übersetzte und aus der Oper beschriftet. Mir ist aufgefallen, dass nach der Pause nach dem zweiten Akt diese Schriften verändert waren. Es waren viele Streichungen und wirre Kritzeleien zu sehen, die einen Hinweis auf Werthers Seelenzustand gaben, während in den ersten beiden Akten mehr schwärmerische Sätze und Satzfragmente zu lesen waren. Die ersten beiden Akte sind recht umtriebig realisiert, Brotzeit, Fahrräder, Frühschoppen und Gartenparty – alles da. Überhaupt nichts anfangen könnte ich mit diesem Dichterfelsen in der Mitte der Drehbühne. Vielleicht sollte er den Eindruck vermitteln, die Welt drehe sich um Werther.

Massenets Musik bietet kostbar Köstliches. Es wurde gestern weitaus weniger schwülstig musiziert als ich nach den Premierenkritiken erwartet hatte, vielleicht hat man ja die paar Tage zu zusätzlichen Proben benutzt. Daniel Oren liess sehr sängerfreundlich begleiten, niemals wurden die Stimmen zugedeckt. Man hörte sehr schöne Piani, aber so ganz filigran wurden die feinen Stellen nicht herausgearbeitet, die Massenets Musik so hinreissend machen können.

Sängerisch waren alle Rollen bestens besetzt. Sophie Koch mit ihrem in allen Lagen geschmeidigen und vollen, warmen Mezzosopran mit leichtem Vibrato hat die Rolle der Charlotte intelligent und schlüssig verkörpert. Auf mich machte es den Eindruck als habe sie die Rolle der Mutter, die sie bei ihren Geschwistern einnahm, auf Werther übertragen. Sie wirkte sehr viel erwachsener als Werther. Mir hat das gefallen und scheint mir auch schlüssig zu sein, obwohl es an anderer Stelle kritisiert wurde. Die Rolle ihrer Schwester Sophie sang Adriana Kucherova, die einen grossen Erfolg für sich verbuchen konnte, eine junge Sängerin, deren schöner Sopran mühelos das große Nationaltheater füllte. Rein optisch war sie eine jüngere, kleinere Ausgabe der Charlotte – ein wunderschönes Paar! Mit Christopher Maltman war die Rolle des faden Albert opulent besetzt.

Marcelo Alvarez ist Werther schrieben sie gestern auf der HP der BSO, während dort heute zu lesen ist „Edita Gruberova ist Norma“. Das schreibt man, wenn einem nichts Besseres einfällt. Alvarez ist so wenig Werther wie Gruberova Norma ist. Er hat gestern hinreissend gesungen – so viel vorweg. Er war weitgehend textverständlich, was mich wunderte, hat (im Gegensatz zur Premiere) wohl auf etliche Italianità verzichtet und sehr schlank und der Aufführung dienlich gesungen. Was mich an ihm nervt (alle Tenöre haben das an sich, aber er besonders), sind seine Gesten. Immer wieder die gleichen, egal wie die Oper heisst. Entweder er entzieht sich jeder Personenregie oder sie ist von vorneherein nicht vorhanden (was im Fall des Münchner Werther zu vermuten ist). Er ist auch deswegen nicht Werther, weil niemand einem Mann seines Auftretens ernsthaft Werthers verzehrende Leidenschaft abnehmen würde, die ihm als Ausweg nur den Tod lässt. Einer wie er nimmt sich die nächste Charlotte, wenn es mit der ersten nicht klappt.

Pourquoi me réveiller?
Eigentlich hätte ich von einem rundum gelungenen Opernabend berichten können. Nichts störte wirklich und gesungen wurde fabelhaft. Wenn Alvarez nicht diese Arie gesungen hätte, dass einem fast das Herz stehenblieb. Und alles was danach kam, auch darstellerisch völlig unanfechtbar gebracht hat. Vergessen das Gerede, er sei eigentlich schon in ein anderes Rollenfach gewachsen wie man es von Sophie Koch auch las. Eine überragende Leistung, und alleine schon deshalb wird man den Besuch dieses Werthers nicht bereuen.

Wobei man sich bereits heute auf die Festspielaufführung mit Beczala und Kasarova freuen darf und auf den direkten Vergleich mit einem lyrischen Tenor und der heissblütigen Kasarova.

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