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Was Madonna verschwieg

November 19, 2006

Unter diesem Titel veröffentlichte die FAZ an diesem Wochenende einen Artikel der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie. Leider ist dieser Artikel nur zahlenden Abonnenten zugänglich, geht aber zurück auf das am 13.November 2006 in der Washington Post erschienene Original mit dem Titel Our „Africa“ lenses. Da ich nicht weiss, wie lange man bei der WP kostenlos lesen darf, und da ich weiss, dass viele meiner Leser des Englischen zwar gut mächtig sind, es ihnen aber mitunter zu mühsam ist, habe ich grosse Teile des Artikels übersetzt. Hoffentlich ist der Interpretationsgaul ist nicht allzu heftig mit mir durchgegangen, und ich bitte, über meine Holprigkeiten grosszügig hinwegsehen.

Ich empfehle trotzdem heftigst das Original, das ganz wunderbar formuliert ist.


Unsere ‚Afrika‘ Optik

Ich bin in Nsukka aufgewachsen, einer kleinen Universitätsstadt in Osten Nigerias. Als Kind hatte ich oft Malaria. Das war so normal, dass die Krankenschwester im Gesundheitszentrum nur sagte: „Ah, wieder Malaria, stimmt’s?“ Weil ich weiss, wie leicht man Malaria behandeln kann, war ich überrascht zu erfahren, dass Tausende jährlich daran sterben. Menschen wie die Verwandten von Madonnas Adoptivsohn aus Malawi.

Natürlich schreiben amerikanische Medien nicht über „Malawi“ sondern einfach über „Afrika“. Dass ich selbst Afrikanerin bin, habe ich erst bemerkt als ich in die Vereinigten Staaten kam. Immer wenn es im College um Afrika ging, wandte man sich an mich. Ganz egal, ob es sich um Namibia handelte oder um Ägypten: Man erwartete von mir, dass ich Bescheid wusste und Erklärungen geben konnte.

Mir missfällt die vereinfachende Verdichtung eines vielfältigen Kontinents in ein einziges monolithisches Land, aber ich habe auch einsehen müssen, dass afrikanische Nationen vieles gemeinsam haben. Die meisten haben eine Vergangenheit als europäische Kolonien. Vielen Ländern mangelt es nach einer langen Reihe von Staatsoberhäuptern, deren Hauptinteresse die Ausplünderung der Staaten war, an führungsstarken Politkern .

Unter dieser „Afrika-Optik“ verfolgte ich Madonna im Fernsehen, als sie behutsam und ernsthaft den Medienzirkus um ihre Adoption erklärte. Ihre Motivation für diese Adoption geht mich nichts an. Ich zuckte allerdings zusammen, als sie sagte, ihre größte Enttäuschung sei, dass der Medienwahnsinn Menschen davon abhalten könnte, die dasselbe tun wollten wie sie selbst: ein afrikanisches Kind adoptieren. Sie möchte, dass andere auch nach Afrika gehen und dort Kinder adoptieren.

Ich musste wegsehen, als ich später David Bandas biologischen Vater über seine Dankbarkeit sprechen hörte und dass Madonna David ein „besseres Leben“ geben würde. Der Machtunterschied war so total, so herzzerbrechend traurig: etwas daran liess Afrika schrecklich überflüssig erscheinen.

Madonna wird David ein besseres Leben bieten, zumindest ein materiell besseres Leben: besseres Essen, Unterkunft, Bücher. Ob ihn dies glücklicher oder zu einem besseren Menschen machen wird, wird sich zeigen. Worauf es ankommt, ist nicht Madonnas Motivation oder die zu vermutende Umgehung des geltenden malawischen Adoptionsrechtes, (…) sondern ihre Überzeugung, sie habe durch David Bandas Adoption etwas für Afrika getan – dass man Afrika helfe, indem man Afrikas Kinder adoptiere.

Armut kann man leicht romantisieren; man kann arme Menschen hinnehmen als wären Mangel an Willen und Tatkraft angeboren. Es ist leicht, ihnen die menschliche Würde zu nehmen und sie auf Objekte des Mitleids zu reduzieren. Das machte nichts klarer als Afrikas Betrachtung durch die amerikanischen Medien, in denen uns Armut und Konflikte ohne jeden Zusammenhang gezeigt werden.

Wäre ich nicht Afrikanerin, würde ich nach dieser Berichterstattung an Afrika als eine Ort mit wunderbaren wilden Tieren denken, wo schwarze Afrikaner als Tour Guides arbeiten. Oder an einen Ort unglaublich armer Menschen, die aus geringem Anlass oder aus gar keinem töten oder von anderen getötet werden.

(…)

Doch zurück zu Madonna. Ich finde ihre Sammlungen für malawische Waisenhäuser gut. Ich hätte mir aber dennoch gewünscht, dass sie anstatt die Fernsehzuschauer aufzufordern, nach Afrika zu gehen und dort Kinder zu adoptieren, darum gebeten hätte, für Organisationen zu spenden, die sich um Malariabekämpfung kümmern. Ich wünschte mir, sie hätte nach einer ihrer nachdenklichen dramatischen Pausen hinzugefügt, dass Afrika nicht alleine von Hilfe abhängen darf, weil Hilfe nämlich wie gesalzene Erdnüsse schmeckt. Je mehr die Führungsschicht davon bekommt, desto mehr will sie haben. Ich wünschte, sie hätte die Gründung einer Organisation angekündigt, die Spendengelder als Mikrokredite ausgibt und dass diese Organisation von Einheimischen geleitet würde anstatt von ausländischen Mitarbeitern, deren ausländische Gehälter die Mieten in unseren Städten steigen lassen.

Ich wünschte, sie hätte mit zu ihrer Berühmtheit passender Entrüstung ausgeführt, dass westliche Länder aufhören müssen, unfähige afrikanische Führer zu hätscheln und zu stützen; dass westliche Banken aufhören müssen, gestohlenes Geld von diesen Führern anzunehmen; dass westliche Geberländer, die auf grenzüberschreitendem freiem Kapitalverkehr bestehen, dies auch für freien Austausch von Arbeitskräften akzeptieren müssten; dass westliche Handelssubventionen die Konkurrenzfähigkeit Afrikas verhindern. Ich wünschte, sie hätte dann anhand einer Grafik auf dem Bildschirm gezeigt, wie sich all diese Dinge auf das Leben des Vaters und der Verwandten von David Banda auswirken.

Natürlich schreibe ich gar nicht wirklich über Madonna. Hier geht es um eine Formel, die gutmeinende Menschen anwenden, wenn sie nach Afrika schauen: an der Oberfläche bleiben, die wirklichen Probleme erst einmal beiseite lassen. Eine Schablone, welche alle Erfahrungungen Afrikas zusammenpresst, um ein authentisches „Afrika“ zu erhalten. Wenn ich nicht Afrikanerin wäre, hätte ich Zweifel, ob mir klar wäre, dass die Menschen in Afrika keine geschenkten Fische brauchen, sondern strapazierfähige Angeln und Zugang zum Fischweiher. Ich hätte Zweifel, ob ich erkennen würde, dass es in Afrika neben fehlender politischer Führungskraft dynamische Leute gibt mit Einfluss und Stimme. Ich weiss nicht, ob ich wüsste, dass es tatsächlich reiche Afrikaner gibt, die ihren Ländern kein Geld gestohlen haben. Ich weiss nicht, ob ich wüsste, dass korrupte afrikanische Länder voll sind von ehrlichen Menschen und dass die Ursache gewalttätiger Konflikte in der Kontrolle der Resourcen in einer Umgebung (manchmal künstlicher) Knappheit zu suchen ist.

Als ich David Bandas Vater sah, stellte ich mir einen englischen David vor, der ihn im Jahr 2021 besucht, und ich fragte mich, worüber die beiden dann reden würden.

Die Romanschriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie ist Autorin von Half of a Yellow Sun. Blauer Hibiskus, ihr Erstlingwerk, ist auch in deutscher Übersetzung erschienen.

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