Skip to content

Vom Genuss, alleine zu reisen

August 12, 2006

Wenn einem der Lieblingsreisepartner abhanden kommt, könnte man das Reisen gleich aufgeben. Warum soll man reisen, wenn man seine Erlebnisse nicht unmittelbar teilen kann, wenn man alleine essen, schlafen und ausgehen muss. Man kann die schönen Tage des Jahres ebenso gut auf der Couch verbringen, denn die Möglichkeit, dass sich wieder mal ein Reisepartner einfindet, ist nicht ganz ausgeschlossen, wenn auch eingeschränkt, so auf der Couch liegend. Das ist die eine Möglichkeit.

Als ich den Kummer über das Verschwinden meines liebsten Reisepartners überwunden hatte und eine Urlaubreise in Erwägung zog, hörte ich allenthalben, dass alleine reisen langweilig sei, was solle man denn da machen, das sei doch langweilig – die üblichen Einwände eben. Ich dachte, dass ich mit einer Reise ans Meer nicht viel falsch machen könne und entschied mich für die türkische Riviera. Ich wählte ein gutes Hotel und verbrachte dort eine Woche vorwiegend am Strand und beim Essen. Im Gegensatz zu dem, was mir in Deutschland über in die Türkei reisende Frauen erzählt wurde und noch wird, fühlte ich mich sehr gut behandelt und niemals wirklich belästigt. Aufgrund der guten Erfahrungen folgten eine Reihe weiterer Türkeireisen in den folgenden Jahren, allerdings etwas anders organisiert. Damals war mir keineswegs klar, dass man Alleinereisen lernen könne oder sogar müsse, wenn man es wirklich geniessen wollte.

Auf den Geschmack gekommen, plante ich gleich die nächste Reise. Sie sollte nach Kreta gehen. Ich buchte ein Hotel an der östlichen Südküste, weil ich wusste, dass dort nicht so viele Pauschaltouristen waren, denen ich damals schon aus dem Weg gehen wollte. Mutig geworden, mietete ich mir auch gleich ein Auto, ich erinnere mich noch genau an den kleinen, offenen Suzuki Jeep. Gleich am ersten Tag machte ich mich auf, einen Teil der Insel zu erkunden. Ausgerüstet mit einer Strassenkarte startete ich Richtung Sitia; ich wollte zu dem berühmten Palmenstrand nach Vai, der natürlich eine Enttäuschung war. Ich fuhr dann weiter nach Palekastro und landete schliesslich in Kato Zakros, das mich begeisterte. Die Lage dieses damals noch nicht richtig zugänglichen minoischen Palastes am Meer, die paar Tavernen, der tolle Strand, an dem ich fast alleine war. Alleine vor allem deshalb, weil der Nachmittag schon recht fortgeschritten war. Es kam wie es kommen musste, ich verfuhr mich auf der Rückfahrt hoffnungslos, denn die in der Karte eingezeichneten Strassen, die ich aus Zeitgründen als Abkürzung benutzen wollte, entpuppten sich als Eselskarrenwege. Ich hatte zwar keine Ahnung von nichts, aber davon viel. Und diesem Umstand verdanke ich eine wundervolle Tour durch die kretischen Berge, während der ich zwar viel Angst hatte, weil ich manchmal nicht wusste, ob ich überhaupt irgendwann noch irgendwo ankommen oder vorher abstürzen würde, denn rechts von mir war steiler Berg und links tiefer Abgrund. Nur ein paar Bergziegen lümmelten herum, deren Glöckchengebimmel mir die Hoffnung gab, dass auch menschliches Leben nicht allzu weit entfernt sein könnte. Andererseits habe ich Gerüche wahrgenommen und Aussichten genossen, die mir immer in Erinnerung bleiben werden. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit, als ich endlich ein Dorf erreichte, traf ich drei alte, schwarz gekleidete Frauen, von denen eine – man glaubt es nicht – Deutsch sprach, denn sie hatte im Rheinland gearbeitet und mir den Weg zur Hauptstrasse zeigte. Gegen zehn Uhr abends kam ich hungrig ins Hotel, denn Abendessen ausserhalb des Hotels zu erwägen, kam mir damals noch nicht in den Sinn. Ich fühlte mich unglaublich stark wegen des aufregenden Abenteuers.

An den übrigen Tagen erkundete ich alleine und gemeinsam mit zwei jungen Frauen, die sich mir inzwischen angeschlossen hatten, einen Teil der Insel. Ich genoss die Gesellschaft, langweilte mich aber auch keine Minute, die ich alleine verbrachte. Das schönste Erlebnis des Urlaubs blieb die Stunde alleine auf den Kieselsteinen am Strand von Kato Zakros, die ich noch heute jederzeit abrufen kann.

In diesen ersten Jahren, in denen ich meistens in die östliche Mittelmeerregion fuhr, achtete ich immer auf gute Hotels, mindestens vier Sterne, lieber fünf. Im Falle eines Fehlgriffs wollte ich die Möglichkeit haben, mich zurückzuziehen und fernzusehen oder zu lesen und dabei wollte ich auf einigen Komfort eben nicht verzichten. Ausserdem achtete ich auf Sportmöglichkeiten; es sollten möglichst mehrere anständige Tennisplätze vorhanden sein und die Möglichkeit, Trainerstunden zu nehmen, falls es mir mit mir selbst langweilig würde.

Während eines Kretaurlaubs habe ich mich auch einmal einer Wandergruppe für eine Woche angeschlossen, denn alleine kann man ja kaum durch Berge und Schluchten steigen. Das war zwar sehr schön und interessant, wäre es jedoch der ganze Urlaub gewesen, hätte mir wohl etwas gefehlt. Nämlich alleine zu entscheiden, was ich jetzt und nachher oder heute Nacht machen möchte. Ein Urlaub in einer Gruppe gleichgesinnter (bis dahin fremder) Menschen kommt heute zwar für mich durchaus noch in Frage, allerdings nur dann, wenn es alleine keine Verwirklichungsmöglichkeit gibt.

Man mag es grenzenlosen Egoismus nennen, aber wenn mir danach ist, möchte ich in jedem kretischen Kirchlein eine lange Kerze anzünden. Ich möchte nachts aufstehen können und mich auf Balkon oder Terrasse setzen. Ich möchte lesen dürfen, solange und wann ich will, und ich möchte nicht aufstehen, wenn ich müde oder lustlos bin. Ich möchte mit einheimischen Leuten ins Gespräch kommen, was alleine eher möglich ist, zumindest nach meiner Erfahrung und mich im Urlaub nicht nur unter Urlaubern, womöglich noch Landsleuten, aufhalten.

Bei der Wahl des Urlaubslandes ist für mich von grosser Bedeutung, dass ich mich verständlich machen kann. Das ist die Voraussetzung, eine der Voraussetzungen, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Ich versuche auch, in dem besuchten Land nicht unangenehm aufzufallen, mich den örtlichen Gebräuchen anzupassen. In Italien, einem von mir geliebten Reiseziel, esse ich entweder italienisch oder gar nicht. Italienisch essen, heisst nicht, Spaghetti oder Pizza essen. In Italien ist es sehr wichtig, was wann wo gegessen wird. Ein Abendessen setzt Antipasti, Pasta, Fleisch oder Fisch und Dessert voraus. Statt Dessert reicht auch caffè, auch auf Antipasti kann verzichtet werden, aber es sollen mindestens drei Gänge sein. Spaghetti und Cola gehen eben nicht alleine, das gehört sich nicht. Und Pizza ist Fastfood, die man in der Pizzeria oder an der Pizzabude essen kann. Habe ich nicht genügend Hunger, gehe ich nicht in ein ristorante oder eine trattoria sondern mache mir ein panino, esse Obst oder kaufe mir ein Eis. Wenn man sich daran hält, darf man davon ausgehen, in Italien als alleine reisende Frau mit dem höchsten Respekt behandelt zu werden. Beherrscht man dann noch etwas Italienisch und bringt seine Bewunderung für dieses schöne Land und seine wunderbaren Menschen zum Ausdruck, darf man sich an freundschaftlichem und gastfreundlichen Umgang erfreuen.

Ich bin auch schon mit Freunden in Urlaub gefahren, die ich lange kannte. Diese Urlaube waren zwar keine Enttäuschung, aber ich hatte im Nachhinein häufig den Eindruck, als sei ich mitgenommen worden, damit man sich nicht langweile. Damit will ich sagen, dass ich lieber alleine reise, als mich mit einem Partner oder Reisepartnerin zu langweilen, mit dem man wenig zu reden hat. Ich gestehe gerne, dass ich aufgrund meiner Vorlieben wohl auch kein ganz einfacher Reisepartner bin. Ich schätze die Möglichkeit, Oper, Konzert und Theater zu besuchen, und möchte mich dann auch ausgiebig damit beschäftigen und darüber sprechen, wenn denn schon jemand da ist. Die wenigsten Leute schätzen das, man geht zwar gerne zu einer Veranstaltung, aber das war es dann auch meistens. Andererseits sind totale Kulturfreaks auch wieder nichts für mich, denn ein bisschen sporteln und albern sein mag ich eben auch. Reist man aber alleine, kann man sich nach Lust und Laune in Programmhefte, Geschichte, Kritiken versenken und sogar nochmal hingehen, wenn man Lust hat.

Selbst einen kleinen Teil Afrikas habe ich schon erkunden können, wenn man denn Nordafrika überhaupt zu dem Kontinent rechnen kann. Nach Ägypten würde ich gerne nochmal reisen, denn eine meiner Marotten ist das Fahren auf Flüssen, und auf dem Nil bin ich noch nicht gewesen, allerdings gehören meine Erinnerungen an einen Hurghada-Aufenthalt zu den weniger angenehmen, nicht dass Gravierendes geschehen wäre, sondern ich habe mich dort nicht wirklich wohl gefühlt. Das lag nicht am Wasser und Hotel dort, aber an den Menschen, von denen ich mich nicht akzeptiert fühlte. In Südafrika dagegen fühlte ich mich sofort wie zuhause. Die zwei Wochen, die ich samt Mietauto und vielen Reisebekanntschaften dort verbrachte, vergingen wie im Flug. Weite Entfernungen und all das, was unterwegs so passieren kann, sind dort kein Problem.

Alleine unterwegs sein, kann Risiken beinhalten, muss aber nicht, zumindest keine Risiken, denen man nicht überall im täglichen Leben ausgesetzt ist. Ich bin zwar vorsichtig, aber nicht ängstlich und glaube nicht, dass man ausgerechnet mich berauben oder dass mir gar schlimmeres zustossen würde. Aber natürlich ginge ich nach Einbruch der Dunkelheit in manchen Städten oder Gegenden nicht unbedingt spazieren, weder alleine noch in Gesellschaft. Übergrosse Versicht und Misstrauen gegenüber dem Urlaubsland und seinen Menschen bremst aber den Spass am Urlaub, das jedenfalls ist meine Überzeugung.

Mancher wird einwenden, die Abende der Alleinreisenden seien sicher fad.. Sie sind es (meistens) nicht. Als leidenschaftliche Spätesserin ist für mich die Zeit zwischen Ende des Abendessens und Beginn egal welcher Abendunterhaltung relativ kurz oder gar nicht da. Und falls man Leute kennen gelernt hat, mit denen man gerne gemeinsam isst, sowieso nicht. Ich esse beispielsweise gerne mit Leuten, die während des Essens über das Essen reden, ein Laster, das ich mir während meiner Zeit in Italien angewöhnt habe. Auf diese Weise kann man das Essen quasi endlos ausdehnen. Zugegebenermassen trifft man solche Leute nicht allzu häufig, zuletzt gab es diesen Glücksfall in Südafrika und die beiden netten Geniesser stammten …. aus Saarbrücken.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: