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Weiterflattern? Weiterflattern!

Juni 5, 2006

Ob Zecken fliegen können, weiss ich gar nicht. Letzten Sonntag hat mich eine heimgesucht, die partout nicht fliegen wollte, denn sie hat sich in meiner Kniekehle festgebissen, wo ich sie vor lauter Ekel noch nicht mal gleich bemerkt habe und dann auch nur unvollständig entfernen konnte. Jedenfalls hatte ich ihr gestern ein ziemlich geschwollenes Bein und ausserdem einen Grund zu verdanken, mir einen Stadtbummel unter anderem zwecks Anschaffung eines längeren Rockes zur Verbergung eines Teiles meiner unförmigen Gliedmassen zu verschaffen.
Nach Erledigung dieser formalen Dinge in meinem bevorzugten Kaufhaus der Sinne, das sich in diesen Tagen wie so viele multilingual präsentiert, beschloss ich, den Fussballabend „public viewing“ (Kandidat zum Wort des Jahres?) zu verbringen, denn selbst F.’s Kniebänder machten im Verlauf des Jogging-Sonntags einfach schlapp, rechtzeitig zum Halbfinale, und der Kisuahili-Unterricht wurde somit dem Sport geopfert. Am Marienplatz war es am frühen Abend recht nett und eigentlich wäre ich gerne in der Innenstadt geblieben. Hinterm Rathaus haben sie einen kleinen Biergarten aufgebaut mit Grossleinwand, leider gab es keine Plätze mehr, Richtung Diener-, Theatinerstrasse, Max-Josephplatz gab es zwar Plätze draussen, aber Fernseher nur drinnen. Für die Wiesn war mir zu heiss, für den Olympiasee zu spät für einen Sehplatz – Tollwood könnte eine gute Idee sein. Gedacht – getan. Es war so schön dort, wenig Leute und alle bester Laune. Im grossen Zelt gab es zwar das grosse Gemeinschaftserlebnis, in den vielen kleinen Gärten und Bars auf dem Gelände allerdings gab es zwar kleinere Leinwände, dafür viele und viele nette Erlebnisse. Einen Teil der ersten Halbzeit verbrachte ich in einem Garten, der kein Radler hatte, dafür gab’s Beck’s Lemon aus der Flasche- mich schüttelt noch jetzt, wenn ich daran denke. Ich bin dann ein paar Meter weitergewandert und landete in einem Garten mit schöner grosser Leinwand und rheinischem Publikum, der sich CIP Domplatte nannte, dort wurde Kölsch ausgeschenkt und dort gab’s auch Radler bei der Hitze. Als das erste Tor fiel, hielt mir so ein Doofie gerade eine Riesensonnenblume vor die Nase. Tollwood eben! Der Heimweg an sich war den Abend schon wert: Durch Schwabing hupte sich ein italienischer Autocorso, Busse, U-Bahnen und S-Bahnen waren um ein Uhr nachts voll mit Siegern und Besiegten wie zur besten rush hour. Besoffene sah man kaum, manche Leute schauten etwas traurig, ein paar Mädels lamentierten recht nervig, niemand schimpfte, trotz grossen Polizeiaufgebots gab es für die Beamten nichts zu tun. In der S-Bahn Richtung Dachau wurde ebenso lautstark der Pizza abgeschworen, wie sie früher singend behaupteten, es gäbe nur „ein“ Rudi Völler. Was allerdings stimmt, wenn ich es mir im nachhinein überlege. Manche Melodien sind eben für alles gut. Zwei Mädchen im Italiendress sassen mir in der U-Bahn gegenüber, die sich für den Sieg ihrer Mannschaft fast zu schämen schienen. „Morgen essen wir hoffentlich wieder zusammen“, sagte mir eine der beiden.
„Jetzt müssen wir wenigstens nicht nach Berlin“, sagte mir ein schwarz-rot-gold-behuteter bayerischer Coyboy, der mit mir in der S-Bahn fuhr, „nach Stuttgart ist’s nicht gar so weit“.
Offenbar hat die bittere Niederlage keine Sofortschäden angerichtet, denn Wimpel, Flaggen und Fahnen flatterten heute morgen ungerührt. Mir scheint, sie flattern unverkrampfter als noch gestern Nachmittag, denn jetzt können sie die restlichen WM-Tage unbeschwert weiterflattern, so wie wir selbst die restlichen Tage geniessen können. Bleibt die Qual der Wahl, für wen wir ab jetzt singen sollen. Das ist schon heute eine schwere Entscheidung. Sonntag bin ich wahrscheinlich für Italien, schliesslich haben sie uns 1990 in Rom gewinnen lassen. Man stelle sich vor, Italien hätte in der 120. Minute ein Tor gekriegt – Neuwahlen wären das Mindeste gewesen.
Ich bin noch so begeistert von dem gestrigen spannend entspannten Abend, dass ich mich nachher wahrscheinlich noch mal auf den Weg zum Tollwood machen werde, sofern es nicht gewittert bis dahin. Hat Tip: Die Stierbar, hinter dem Andechser Zelt, zwei grosse Bildschirme hinten und vorne und dazwischen ziemlich nette Leute.

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