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Meine Tochter Margaret

Mai 28, 2006

Ehe ich gestern Margarets letzte Briefe beantwortete, habe ich mich durch ihre Briefchen der letzten Jahre geblättert. Danach wunderte ich mich eigentlich nicht, dass es so gekommen ist, wie es kam. Ihre ersten Briefe waren sehr spröde, Pflichtbriefe an die Person, die das Schulgeld bezahlt, und unter der man sich nicht wirklich etwas vorstellen konnte. Kurz vor Beginn der Patenschaft war nach ihrem Vater auch ihre Mutter gestorben, die Geschwister wurden auseinandergerissen, sie selbst kam zu ihrem Glück in ein Boarding House, das Waisenkinder aufnahm, darüber schrieb sie aber nie, ich entnahm es ihrer Biografie. Ihre Lieblingsfarbe sei blau und sie esse gerne Fisch, recht viel mehr wusste ich lange nicht von ihr. Und natürlich solle mich Gott schützen. Immer wieder. Mungu bariki. Nach einiger Zeit änderte sich ihre Unterschrift; sie unterschrieb nicht mehr mit “your sponsored child” sondern mit “your daughter”, was an sich keine Bedeutung hat, denn viele Kinder nennen ihre Patinnen “Mum” und viele Mädchen unterschreiben ihre Briefe mit “your daughter”, auch meine anderen Patenmädchen tun das. Erklärbar ist es aus der Tradition, wo man bei Freundinnen häufig von Schwestern spricht und demnach ist deren Mutter automatisch “mum”. Ich habe es kürzlich erlebt, als ein Freund von seinem Bruder sprach und ich natürlich annahm, er spreche von seinem Bruder, er aber nochmals ausdrücklich darauf hinwies, es handele sich um seinen “echten” Bruder. Kein Grund zur Besorgnis also, wenn Margaret mich Mum nannte.

Unser Verhältnis änderte sich im Laufe der Zeit. Margaret begann, mir häufiger Briefe zu schreiben, manchmal an aufeinanderfolgenden Tagen, so wie auch jetzt wieder. Keine Pflichtbriefe also, sondern das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Das begann bereits lange vor meinem ersten Besuch in Nairobi, wo ich ein junges Mädchen kennenlernte, das zwar etwas schüchtern war, aber sehr offen und liebevoll. Da ich selbst nicht übermässig emotional reagiere, habe ich lange nicht wahrgenommen, dass ich für Margaret wohl wichtiger bin als angenommen und auch von mir gewollt. Weil es mir gut ging, wollte ich gerne ein paar Kindern ermöglichen, die Schule zu besuchen, die Briefe, die man dafür von den Kindern erhielt, betrachtete ich als Art Nachweis, dass die Hilfe zweckgemäss verwendet wird. Und rührend waren sie natürlich auch. Mehr als genug Gegenleistung für die paar Euro Schulgeld.

In ihrem letzten Grundschuljahr und vor allem während und nach meinem zweiten Besuch entwickelte sich ein reger Briefwechsel. Wir unterhielten uns über für uns wesentliche Dinge. Die Briefe wurden länger, manchmal fehlten sogar die kunstvollen bunten Verzierungen völlig. Margaret hat eine Art entwickelt, sich in sehr persönlichen Angelegenheiten zu verständigen, ohne die Dinge wörtlich niederzuschreiben, wohl wissend, dass die Briefe auch von anderen Personen gelesen werdenkönnen. Dazu greift sie auf persönliche Gespräche zurück oder sie bezieht sich auf die wenigen gemeinsam erlebten Begebenheiten. Margaret mag Vier-Augen-Gespräche.

Zu Beginn dieses Jahres veränderten sich die Lebensumstände der Geschwister. Die Grossmutter, die die kleine Schwester bisher aufzog, kann sich wegen Krankheit nicht mehr um Achumu kümmern. Der ältere Bruder und Margaret beschlossen, Achumu zu sich zu nehmen. Margaret verliess das Boarding, um sich vor und nach der Schule um Achumu und den gemeinsamen Haushalt zu kümmern. Der Bruder hat eine Arbeit und ein sehr kleines Einkommen, von dem sie leben. Margaret war sehr besorgt, als sie mir von ihrer Entscheidung schrieb, sie hatte Angst, ich würde sie nicht mehr lieben, weil sie das sichere Lambert House verlassen und damit ihre Schulausbildung eventuell gefährdet habe. Als ob es darauf ankäme. Sie hat eine wunderbare Entscheidung getroffen, die sie gar nicht anders hätte treffen können, so wie ich ihr Wesen kennengelernt habe. “Wie könnte ich im Lambert bleiben und jeden Tag mehrmals essen und wüsste nicht, ob Achumu etwas hat”, schrieb sie mir einmal. Auch jetzt hat sich unsere Beziehung etwas geändert, zumindest glaube ich das den Briefen entnehmen zu können. Margaret fragt mich um Rat für tägliche kleine Entscheidungen, obwohl sie weiss, dass die Antwort erst eintreffen kann, wenn sie die Entscheidung bereits getroffen hat, aber dann ist eine Bestätigung durch mich schön für sie und ein Ansporn.

Sie hat mir schon manchmal geschrieben, dass sie ohne meine Unterstützung die Schule wohl lange vor ihrem Grundschulabschluss verlassen hätte. Heute geht sie in die neunte Klasse der weiterführenden St. Mathew Schule. Den Übergang hat sie zwar nicht aufgrund ihrer Prüfungsleistung geschafft, was sie aber dort leistet, ist mehr als man je erwarten durfte. Margaret ging schon immer regelmässig und sehr gerne zur Schule, obwohl sie keine guten Noten hatte. Ihr Englisch ist überdurchschnittlich gut, ihre Schrift hat bereits einen eigenen Charakter, sie ist intelligent und warmherzig. Ihre schlechten Noten konnte ich nie wirklich nachvollziehen. Was sie allerdings heute leistet, die Verantwortung, die sie jetzt übernimmt, die täglichen Verpflichtungen im Haushalt, plus der regelmässige Schulbesuch, ist so viel wie Position Eins in der Klasse. Das kenianische Schulsystem, das bereits für die ganz Kleinen bereits eine Art Vor-Vorschule bereithält, in die Achumu bereits geht, kommt Margaret dabei ein bisschen entgegen. Allerdings ist ihr Tag in ein strenges Korsett gezwängt, die Geschwister wechseln sich mit dem Zur-Schule-Bringen und dem Abholen der Kleinen je nach Unterricht und Dienstzeit ab. Am Abend versorgt sie Achumu, bringt sie ins Bett, macht den Haushalt und wiederholt dann ihren Lehrstoff, bis der Bruder um zehn Uhr von der Arbeit kommt. Einer kleinen Bemerkung in einem ihrer letzten Briefe entnahm ich, dass wohl keineswegs jeden Abend genügend Essen da ist. Ihr Leben hat sich vollständig geändert gegenüber den Jahren im Boarding House, wo sie immer mit ihren gleichaltrigen Mitbewohnerinnen zusammen war, sich austauschen konnte und der Sorgen um das tägliche Überleben enthoben war. Obwohl ich sie bewundere, bin ich in Sorge, ob sie das alles zusammen auf Dauer schaffen wird und ob sich ihr Leben während ihrer Schulzeit nicht nochmal unvorhergesehen auf den Kopf stellen wird. Ich wünsche mir, dass die kleine Familie gesund bleibt, dass Margaret nicht davon abgehalten wird, in die Schule zu gehen, dass ihr Bruder weiterhin für beide Schwestern sorgen kann, auch wenn da mal Freundin oder Frau einziehen sollte.
“Remember, you replaced my mum and my dad”, schrieb Margeret in einem ihrer letzten Briefe. Sie wird meine Tochter sein, so lange sie es will oder man sie lässt.

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