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Terra magna graecia

April 6, 2006

Der Cilento liegt im Zentrum der von den alten Griechen bereits Jahrhunderte vor Christus besiedelten Kolonien. Jeder kennt die ganz im Norden des Landes liegenden Ausgrabungen von Paestum mit seinen riesigen Tempelhallen, die Neptun, der Hera und der Athena gewidmet sind. Ich bin mit dem Zug von Pisciotta nach Paestum gefahren; viele Züge, die von Sapri oder von Reggio Calabria kommen, halten an dem kleinen Bahnhof, der direkt vor den Ausgrabungsfeldern liegt. In Paestum wirkt alles sehr erhaben und mächtig, das Gebiet ist touristisch erschlossen, an Bars und Andenkenläden herrscht kein Mangel. Neben den imposanten Tempelanlagen gibt es eine Fülle weiterer sehenswerter Bauwerke aus nachfolgenden Jahrhunderten wie das überraschend kleine Amphitheater oder die Tore zu sehen. Das Gebiet ist ziemlich flach; man kann dort gut spazierengehen. Ausser mir waren einige Schulklassen da, sogar eine holländische Klasse auf Abschlussfahrt mit höchst präparierter Lehrerin. Schon der griechische Name Poseidonia flösst Ehrfurcht ein, mir zumindest.

Ganz anders das „liebliche“ Velia. Ebenso alt und doch so anders.
Velia liegt am nördlichen Ortsrand von Ascea und erstreckt sich zunächst über eine flache Siedlung, dann über einen Südhang bis zu einer Anhöhe mit einer Festung über dem Meer.

Im flachen Teil der sich um den früheren Hafen zieht (inzwischen liegt die antike Stadt aufgrund Versandung ein Stückchen vom Meer entfernt) kann man Ruinen von Bauwerken, Häusern und Thermen sowie Strassenanlagen besichtigen, der Ursprung mehr als 2500 Jahre zurückliegt.

Den mit riesigen Steinen gepflasterten Weg, der als Verlängerung der Via Portarosa hügelaufwärts führt, könnte man verlassen (darf man eigentlich nicht, tun aber alle) und findet dann zu dieser Jahreszeit jede Menge wilden Spargel. Geht man auf den Steinen bergauf, fühlt man sich geradezu umzingelt von Geckos in allen Farben, hauptsächlich grüne. Der Weg ist ein Vergügen, denn immer wieder kann man Richtung Meer blicken, die Aussicht ist wunderbar, zunächst geht sie Richtung Capo di Palinuro, Wildblumenwiesen bedecken den Hang. Von der Porta Rosa wanderte ich weiter Richtung des Gipfels, der die Akropolis, einen Wehrturm, zwei schöne Kirchen, die mir ein Custode, der oben Dienst tat unbedingt zeigen wollte. Lleider schaffte er es trotz Gewaltanwendung nicht, die Tür aufzuschliessen, so blieb das Innere der Doppelkirche unbesichtigt. Ein kleines Amphitheater gibt es auch dort oben. Das Spektakuläre ist aber die Aussicht von dort oben in alle Richtungen und der Friede, der ausgeht, von Geschichte, Natur, Mensch und Tier, die hier im Einklang zu stehen scheinen.

Ich schien an diesem Nachmittag der erste Besucher in Velia gewesen zu sein. Der Mann an der Kasse konnte meine fünf Euro nicht wechseln und bat mich, später zu bezahlen. Nachdem er mein Italienisch ausgiebig gelobt hatte, wollte er mir unbedingt ein paar Sachen zeigen und begleitete mich auf dem unteren Rundgang. Anschliessend zeigte er mir, was für die neue Saison vorbereitet worden war. Für blinde Besucher wurden die Wege besonders hergerichtet, mit einer Holzbegrenzung am Boden, damit man merkt, wenn man den Weg verlässt, gleichzeitig wurde ein Pavillon eingerichtet, in dem Nachbildungen der Philosophen Velias stehen und einige Artefakte, alles beschriftet auf kleinen Schildkröten in Brailleschrift. Sehr liebevoll gemacht und sehr passend für Velia.

Die zwei Euro für den Wegweiser und den Eintritt bin ich dann tatsächlich noch losgeworden, der Herr von vorher war zwar nicht mehr da, aber seine Kollegin wusste Bescheid.

Der Eintritt der Ausgrabungsstätten in Paestum ist übrigens kostenlos, das dortige Museum kostet vier Euros.

Meine Gastgeber fragten, was ich denn von Velia und Paestum hielte und meine Begeisterung für Velia überraschte keineswegs. Das seien die Philosophen, sagte man mir, ihr Geist sei noch da.

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