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Kammerjäger zum Gärtnerplatz

Januar 9, 2006

Kammerjäger zum Gärtnerplatz! Einen kleinen Bericht bin ich mir noch schuldig über das Insekt von Sevilla, in Bühne gesetzt am Münchner Gärtnerplatztheater. Der Innenraum erinnert stark an das Nationaltheater, wenn es auch viel kleiner und nicht so prachtvoll ausgestattet ist. Sehr sympathisch ist mir persönlich, dass man die Theatertechnik noch so sieht, d.h. die Scheinwerfer ganz vorne, den Inspizienten in seiner Loge.

Da man im Vorfeld schon wusste, dass es sich in der Oper um gehäuftes Vorkommen diverser Insekten handeln würde, hatte ich zumindest bereits während der Ouvertüre das Gefühl, Schnaken zirren zu hören. Das war ein Trugschluss, wie sich später herausstellte, denn überwiegend sollte es sich um Ameisen gehandelt haben, so sagt wenigstens das Programmheft, für mich waren es Stubenfliegen, ganz eindeutig Stubenfliegen! Hat schon mal jemand Ameisen sich die Beine putzen sehen? Ich nicht. Übrigens ist gerade die Rede vom Staatsopernmännerchor, putzig in kugelrunden Fliegenpanzern und dünnen Haxerl. Sie tummelten sich über und unter einer übergrossen, weissen Daturablüte, die das gesamte Bühnenbild über weite Strecken darstellte. Der Figaro war ebenfalls eine Fliege (angeblich eine Stubenfliege), ich glaube eher an eine Schmeissfliege, so dunkelblau changierend und mit Schmalzlocke. Als Bartolo sang eine fette Spinne, der Musiklehrer Basilio wurde durch eune blutleere Florfliege vertreten. Graf Almaviva machte als gelbbraune Hummel dem knackigen Schmetterling Rosina den Hof. Warum man statt Marzellina nun ausgerechnet eine Hausschnecke auf Holzboden der Rundbühne geschickt hatte, war wohl nur als Gag gedacht. Dieser ganze erste Akt ist recht stimmig inszeniert. Ehe man sich im eigenen Netz verhedderte, kam die grosse Bayerdose und machte dem Treiben der Viecher ein brachiales Ende.

Nach der Pause waren aus den Insekten menschliche Wesen geworden, die vor einer weissen Wand mit einer grossen Drehtür agierten. Vielleicht sollte ich noch sagen, dass entsprechend dem kulturellen Auftrag am Gärtnerplatz deutsch gesungen wird, lediglich der Figaro durfte seine Arie in italienisch darbieten, vermutlich um einen Zungenbruch zu verhindern.

Insgesamt wurde gut gesungen und musiziert, obwohl sich Barbara Schmidt-Gaden und Daniel Behle (Almaviva) vorsorglich wegen aufkommender Erkältung entschuldigen liessen. Barbara Schmidt-Gaden als Rosina war optisch perfekt, mir persönlich stimmlich nicht optimal besetzt; ihr Mezzosopran ist zu hart und zu schrill. Das Lazarett wurde komplettiert durch den an einem Miniskusriss leidenen Gary Martin (Figaro), der aber stimmlich nicht beeinträchtigt war. Vielleicht wäre er ja ohne Beinschaden geflogen, so war er auf munteres Hüpfen beschränkt. Zur Vollständigkeit: Jörg Simon sang den Bartolo und Pawel Czekala den Basilio.

Der Sinn der teilweisen Überbauung des Orchestergrabens hat sich mir nicht erschlossen. Der Überbau wurde nur zweimal kurz bespielt, davon einmal zum Verteilen von Visitenkarten des Barbiers. Die Besucher der ersten Reihe waren auf jeden Fall stark benachteiligt. Ausserdem klang das Orchester auf meinem Platz (1.Rang links) etwas dumpf durch die Überbauung. Der junge Andreas Puhani dirigierte recht engagiert.

Die Inszenierung von Claus Guth wird sicher ein Dauerbrenner. Kinder waren begeistert und haben laut gelacht. Schmunzeln musste ich hin und wieder auch. Ein netter Abend, der’s wert war, in die Kälte zu gehen, dem Dörrieschen Planet-der-Affen-Rigoletto um Längen überlegen!

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