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Anna on the rocks

September 6, 2004

Nach einem herrlichen Sonnentag, den ich zwar bis Mittag auf der Matratze verbracht habe, weil mir die Gebeine vom gestrigen Kiesschaufeln weh taten, freute ich mich auf einen unverhofften italienischen „Gesangs“-Sommerabend – die Aufzeichnung des Konzertes aus der Waldbühne mit Anna Netrebko und Marcelo Àlvarez.
Àlvarez kenne ich; ich habe ihn mehrfach in München gesehen, zuletzt als Faust mit Angela Maria Blasi und in Roméo et Julliette. Ich halte ihn für einen recht guten Tenor – stimmlich und technisch; in beiden Aufführungen fehlte mir persönlich die Seele, die Leidenschaft, das Gefühl – wie soll man das nennen … Ich hörte, fand ihn gut, applaudierte … und ging nach Hause.

In der Sendung heute war er für mich – soweit man das anhand einer solchen Sendung überhaupt beurteilen kann – ausdrucksmässig der Stärkere der beiden Protagonisten. „È lucevan le stelle“ hat mir gut gefallen.

Anna Netrebko, von der man viel hört, kenne ich nicht. Der liebe Gott hat ihr eine prächtige Stimme geschenkt; sie führt sie vor, als sänge sie im Zirkus. Natürlich weiss ich, dass es schwer ist, den künstlerischen Ausdruck zu finden, wenn ein so zusammengewürfeltes Programm zu singen ist. Was geboten wurde, war in meinen Augen herz- und seelenlos auf hohem Niveau. „O mio babbino caro“ aus Gianni Schicchi – die einzige Arie der Lauretta in dem ganzen Stück – sollte schon so vorgetragen werden können, dass sie einen berührt (meine ich). Wer das Glück hatte, Lucia Popp in dieser Rolle sehen und hören zu dürfen, wird mir sicher zustimmen. Die Arie der Musetta war in Ordnung – hier sorgte die dümmliche Ansagerin Nina Ruge für meine Verstimmung, wobei ich auf sie weiter nicht eingehen will – eine bessere Klassikkennerin hat man wohl nicht auftreiben können.

Ich hätte es wissen müssen, denn es fing schon ärgerlich an: Nach ein paar Takten der wunderbaren Ouverture zum Barbier spielten diese musikalischen ZDF-Tiefflieger ein nichtssagendes Interview mit der Netrebko ein. Warum sie im symphonischen Zwischenspiel zu Cavalleria kein Gespräch mit Àlvarez oder einen weiteren Smalltalk mit pretty Anna einspielten wissen wohl die Götter und der Regisseur.

Tja, warum applaudierte das Publikum wie von Sinnen? Muß wohl an den Kartenpreisen gelegen haben.

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