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La Scala Lohengrin

Dezember 19, 2012

Die Besetzung, die musikalische Leitung und die szenische Umsetzung des Lohengrin war zu verlockend. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ich bei einer Programmvorschau Elsa ungleich Anja Harteros den Aufwand und die Kosten, nach Mailand zu reisen auf mich genommen hätte. Aber natürlich gilt: No Risk no Fun. Wie alle Operninteressierten wissen, erkrankte Anja Harteros und Annette Dasch, die Bayreuth-Erprobte, sprang dankenswerterweise am Inauguratione-Abend ein, via arte tv in die ganze Welt versendet. Anja H. war also (mal wieder) schuld daran, daß ich mich zur Scala aufmachte. Nicht zur Eröffnungsgala sondern zur arbeitnehmerfreundlichen 3. Aufführung am 14. Dezember, die mich nur einen Arbeitstag kostete. Hoffnung auf Genesung der Anja H. war zwar vorhanden, allerdings vergeblich, so daß die planmäßige zweite Elsa, Ann Petersen, zum Einsatz kam.

Natürlich habe ich mir die Übertragung der Eröffnungvorstellung durch arte tv nicht entgehen lassen, habe sie mir sogar mehrfach angesehen. Claus Guths Kunst der Inszenierung ist mir auch nicht ganz fremd. Ich will hier nicht zu tief in seine Interpretation einsteigen, die beiden Lohengrin Paare, Telramund und Ortrud, Lohengrin und Elsa, psychologisch auszuloten. Elsa und Lohengrin scheinen traumatische Erlebnisse hinter sich zu haben; Elsa den Verlust ihres Bruders Gottfried, an dessen Verschwinden sie sich schuldig fühlt, und der immer wieder personalisiert auf der Bühne erscheint, so wie auch die kindliche Elsa im Spiel mit ihrem Bruder. Lohengrin ähnelt Gottfried nicht nur äußerlich. Durch ihn scheint Gottfried wiederzukehren. Sollte es sich um eine Repersonifizierung Gottfrieds oder um seine Rückkehr als Erwachsener handeln, oder ist er auch nur eine von Elsas Projektionen, lässt die Art seines Erscheinens mehrere Deutungen zu: 1. Im Lande des Grals ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen und Lohengrin ist froh, zu entkommen oder 2. man hat ihm eine Mission zugewiesen, der er sich nicht gewachsen fühlt oder unsicher ist, sie erfüllen. Diese Extremsituation für beide äußerte sich am Premierenabend in epilepsieanfallsartigen Körperbewegungen von Elsa und Lohengrin, die übertrieben bzw. gekünstelt wirkten (vermutlich aufgrund der überraschenden Besetzungssituation). Diese Wahrnehmung bestätigte sich am 3. Aufführungsabend nicht; dort wirkten die Bewegungen gemäßigter und dadurch nachvollziehbarer.

Natürlich hat auch Ortrud eine Macke. Claus Guth sieht sie als Elsas Gouvernante, eine ältliche Frau, die allgegenwärtig Elsas Tun kontrolliert und dann auch noch den Platz einnimmt, den Telramund ja eigentlich für Elsa anpeilte, obwohl er an dem Mädchen Vaterstelle vertrat.

Sieht man Lohengrin als Jüngling, dann erhielten die Männer des Abends, Telramund, Heinrich, Heerrufer, von Guth nicht annähernd die gleiche oder ähnliche Zuwendung wie Lohengrin, Elsa und Ortrud.

Aufgrund meines Sitzplatzes in einer Loge auf der rechten Seite, noch nicht einmal sehr seitlich, konnte ich leider etwa ein Viertel der Bühne nicht einsehen, mithin all das, was sich mit Elsa in den ersten beiden Aufzügen (um das Klavier herum) abspielte. Die übermäßige Psychologisierung ist mir daher in der Theatersituation entgangen; vom Bildschirm her hatte ich sie natürlich in Erinnerung. Visuell eröffnete sich in den ersten Teilen (von einem Platz zu immerhin 198 Euro) der langweilige Blick auf die Gemäuer und umlaufenden Balkone einer Wohnanlage, insofern eine handwerkliche Verfehlung der Produktion. Wer auf einem solchen Platz nicht vorher die TV-Übertragung sah, verstand ganz und gar nicht, was auf der Bühne abging.

Den dritten Aufzug konnte ich dann endlich in Gänze verfolgen, da sich das Geschehen etwas mehr zur Bühnenmitte verlagerte und ein schilfumstandendes Gewässer freigab mit einem Badesteg, wo Elsa und Lohengrin sich in ihrer Hochzeitsnacht vergnügten.

Viel zu sagen gäbe es zum musikalischen Teil. Der dritte Abend einer Aufführungsserie ist ja nun nicht mehr als gesellschaftliches Ereignis zu bewerten, ich hatte vielmehr vor Beginn den Eindruck, die “normale” Opernklientel in den Foyers zu sichten. Dem war offenbar nicht so. Das Vorspiel war untermalt zum einen von anhaltendem smalltalk unter den Besuchern, zum anderen von einer murmelnden Geräuschkulisse aus dem Bereich der Bühne, vermutlich der Choristen. Von dem aufregenden Erlebnis zweigeteilter flirrender Violinen also keine Spur; keine Ahnung, warum Daniel Barenboim so etwas toleriert.

Die Akustik der Scala ist ein Handicap, wenn man in einer der Logen sitzt. Plüsch und Samt und der Überbau verschluckt so manches, was instrumental oder vokal eigentlich strahlen sollte und vermutlich auch strahlt, wenn man den entsprechenden Platz innehat. Den Chor empfand ich als die Geiselder Aufführung: keine deutsche Diktion – die hätten in jeder Sprache singen können und keiner hätte diese zu identifizieren vermocht, die Einsätze so ungefähr. An Barenboim lag es nicht, möglicherweise befanden sich die Herrschaften in einer Vorstreikphase, man weiß ja nie. Mich über patzende Bläser aus den oberen Rängen zu beklagen, verkneife ich mir, schließlich bin ich nicht der Nörgler vom Dienst. Ansonsten war Barenboim erfolgreich bemüht, den Sängern den Raum zu geben, den sie verdienen. Womit ich endlich beim ausschließlich erfreulichen Teil des Abends angelangt bin.


Zeljko Lucic
gab in Mailand sein Debut als Heerufer. Seine runde, warme Stimme ist etwas ungewohnt für die Rolle. Trotz feiner Diktion litt er darunter, fast immer aus dem Bühnenhintergrund singen zu müssen und das schluckte zumindest einen Teil der Durchschlagskraft. Wie mir berichtet wurde, sang Tómas Tómasson den Telramund schon in Bayreuth, was in Mailand anscheinend noch immer etwas bedeutet. Über weite Strecken sang er tatsächlich anstatt ins Deklamieren zu verfallen, wie das so mancher Telramund-Darsteller tut; die Intonation verruschte am 14. Dezember nur selten im Vergleich zur Premiere. Ein Vulkan steckt in Evelyn Herlitzius‘ kleiner Person, ein Ausbund an Darstellungswillen und Bühnenpräsenz. Ortrud scheint ihr zu liegen; sie hielt die Stimme trotz allen Temperamentes unter Kontrolle, “sang” Ortrud und verfiel nicht in Geschrei. Eine superstarke Leistung von Evelyn Herlitzius, eine Sängerin, die ich sehr bewundere. René Pape, als Heinrich der Vogler von der Regie etwas stiefmütterlich behandelt, braucht diese eigentlich gar nicht. Kraft seiner Statur, Bühnenpräsenz und traumhaften Stimme verschafft er sich die Resonanz, die einem König zukommt. Die amerikanische Sopranistin Ann Petersen, planmäßig für einige Vorstellungen vorgesehen, nicht allerdings für diese, sang Elsa für Anja Harteros. Natürlich ist das ein schweres Unterfangen angesichts eines Publikums, das Vergleiche zieht zu einer Elsa, die Maßstäbe setzt. Ich untersagte mir Vergleich an diesem Abend, und mir gefiel es, wie Ann Petersen Elsa anging. Ihre Stimme -schönes, etwas dunkleres Timbre – ist lyrisch und dramatisch genug, das Regiekonzept glaubhaft umzusetzen.

Jonas Kaufmann
hatte am 14. Dezember Beginn an einen glänzenden Abend. Ich will mich hier auf meinen Eindruck aus dem letzten Aufzug beschränken, den ich als Ganzes außergewöhnlich empfand. Aus dem unbefangen/befangenen Spiel mit Elsa am Ufer des kleinen Sees entwickelte sich zunächst der bis zum Zerreissen spannende und bedrückende Zwist mit der verhängnisvollen Frage nach dem Wer und Woher, im Schilf des Seeufers erschlug Lohengrin Telramund und auf dem hölzernen Badesteg knieend erzählte er schließlich vom Gral. Sie haben das sicher alle im Fernsehen gesehen. Warum also erzähle ich das nochmal? Ich fand diesen letzten Akt überwältigend gut. Das so selbstverständlich erscheinende, selbstvergessene Spiel – noch bedeutender aber der strömende Gesang vor allem von Jonas Kaufmann, aber auch von Ann Petersen, ohne erkennbaren Manierismus, war atemberaubend. Und so strömte eben auch die Gralserzählung, klang unkünstlich, obwohl die “Taube”, über die zu berichten ich lieber verzichten würde, weil man einen Sänger nicht an zwei Silben festmachen kann, eine Ausprägung von Kunstgesang darstellt. Jonas Kaufmanns “Taube” habe ich nach Tagen noch heute im Ohr. Sie alleine war die Reise nach Mailand wert. Ich kann sie mit Worten kaum beschreiben. Anders als am Premierenabend, an dem sie 2 Phasen aufwies, bestand sie aus 3 dynamischen Phasen, war aber eingebunden in den Gesamtkontext der Gralserzählung. Ich halte Kaufmann’s Gralserzählung auch mit dem Abstand von ein paar Tagen für eine maßstabsetzende Leistung.

Nach der zweiten Pause erschienen meine französischen Logennachbarn nicht mehr, nachdem der Herr auf dem vierten Platz bereits nach der ersten Pause das Handtuch geworfen hatte, und ich könnte in aller Ruhe “dem geheimen Buhlen pflegen”, sozusagen ein paar verbotene Schnappschüsse tun.

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Unverständlich fand ich den späten Beginn (19.00 Uhr) für eine Oper mit 2 Pausen und 5 Stunden Dauer in einer Stadt, in der die U-Bahn den Betrieb um Mitternacht einstellt und die im Dezember auch von schlechtem Wetter nicht verschont bleibt, was ausgerechnet an diesem Tag über Mailand hereinbrach. Entsprechend hektisch ging es nach dem letzten Ton der Oper zu. Alle rannten zur U-Bahn (mit Erfolg) und zu den Taxen (erfolglos, weil vorbestellt).
Hier dennoch ein paar Bilder von den Schlußvorhängen.

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René Pape, großartiger König Heinrich, ist hier leider abgeschnitten (rechts) ebenso wie Zeljko Lucic als Heerrufer. Keine Absicht, sondern die Aufregung, einmal ungerüft fotografieren zu können.

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DIRECTION
Conductor
Daniel Barenboim
Staging
Claus Guth
Sets and costumes
Christian Schmidt
Choreography
Volker Michl
Lights
Olaf Winter
Dramaturgy
Ronny Dietrich
Weapons master
Renzo Musumeci Greco

CAST

Heinrich der Vogler
René Pape
Lohengrin
Jonas Kaufmann
Elsa von Brabant
Annette Dasch (7)
Ann Petersen (11, 14)
Anja Harteros
Friedrich von Telramund
Tómas Tómasson
Ortrud
Evelyn Herlitzius
Der Heerrufer des Königs
Zeljko Lucic

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